Das Böse in der Musik


war vor fünf Jahren Thema eines Artikels für die Zett.

Böse Onkels?

Haben die alten Recht, die immer gesagt haben, der Rock’n’Roll sei Teufelszeug? Weil er junge Menschen zu ekstatischem Tanz, enthemmtem Leben, wüsten Frisuren, vorehelichem Sex und Drogenkonsum verführt? Man muss nicht lange suchen, um zumindest festzustellen, dass es nicht erst die Rockmusik war, die mit allem, was nicht gut, ergo böse ist, in Verbindung gebracht wurde.

 

Seelenverkäufer

Schon Paganini war der „Teufelsgeiger“, und der Bluesmusiker Robert Johnson verkaufte der Legende nach seine Seele dem Teufel, um im Gegenzug exzeptionell Gitarre spielen zu können. Schon lange davor verpasste man allerdings der übermäßigen Quarte, auch bekannt als Tritonus, weil sie drei ganze Tonschritte umfasst, den Spitznamen Teufelsintervall oder auch Teufel in der Musik weg, weil er die stärkste Dissonanz im System der Moll- und Dur-Tonarten darstellt. Der Teufel ist also schon lange Gast in der Musik. Wurde einst der Tritonus allerdings eingesetzt, um Schmerz oder andere negative Dinge auszudrücken, war das Dämonische bei Paganini, Johnson, den Rolling Stones, Black Sabbath und anderen Vertretern immer offensiv und schillernd, klang der Flirt mit Mächten an, die in der jeweiligen Gesellschaft alles andere als wohlgelitten waren. Paganini inszenierte sich mit fahlem Gesicht und schwarzer Kleidung. Wie manche Rockmusiker des 20. Jahrhunderts schlug er Kapital aus den Gerüchten, die um ihn gesponnen wurden und machte ein Vermögen mit seinen Konzerten. Sein Image pflegte er so erfolgreich, dass er über dreißig Jahre lang nicht auf geweihtem Boden beerdigt werden durfte, weil er mit dem Teufel im Bunde gestanden habe. Robert Johnson war seinerseits keineswegs der erste Blues-Künstler, der seine Seele dem Teufel verkauft haben wollte: Schon sein Kollege Tommy Johnson hatte sich mit dieser Geschichte geschmückt, durch einen gemeinsamen Bekannten ging sie auf Robert über, der sie gerne übernahm. Als Gegenstück zum Gospel, der Gott pries, galt der Blues ohnehin nicht nur bei Weißen als Teufelswerk. Er galt in den schwarzen Gemeinden als Musik des Einzelgängers, der sich schon allein dadurch aus der Gemeinde löste.

 

Satans Sympathisanten

Die Rolling Stones sorgten dann in den 1960er Jahren dafür, dass Pop seine Unschuld endgültig verlor: Sie pflegten ein „böses“ Image, spielten schmutzigen Blues mit sexuelen Konnotationen, trugen lange Haare, nahmen Drogen und flirteten mit Beelzebub. „Sympathy For The Devil“ aus dem Album „Beggar’s Banquet“ (1968) wurde einer ihrer größten Hits. Der Text ist eine Auflistung von Gewalttaten, von der Ermordung Christi bis zum Zweiten Weltkrieg und dem Attentat auf John F. Kennedy. Der Legende nach war es dieser Song, der das von den Stones initiierte Open-Air-Festival im kalifornischen Altamont zum Desaster werden ließ. Angeblich spielte die Band gerade „Sympathy For The Devil“, als der Fan Meredith Hunter vor den Augen der Band von den Hell’s Angels totgeprügelt wurde, die für das Konzert als Security engagiert worden waren. Weit wahrscheinlicher spielten die Stones zwar gerade „Under My Thumb“, aber der Song mit dem Teufel war einfach zu attraktiv für die Mythenbildung. Der Karriere der Band schadete das nicht erheblich – wenn überhaupt. Den Stones haftete nun erst recht etwas Gefährliches an, das sie umso mehr zur Projektionsfläche einer Jugend werden ließ, die mit den Werten ihrer Eltern nichts mehr zu tun haben wollte. Eine Band wie Black Sabbath, deren Musik die Blaupause für Heavy Metal bildete, spielte noch unverhohlener mit dem Reich des Bösen. Und im konservativen Bible Belt der Südstaaten der USA brannten ihre Schallplatten auf dem Scheiterhaufen… Aber was wäre ein Rockfan, der sich davon beeindrucken ließe?! Man muss nicht lange suchen, um weitere Beispiele zu finden: Alice Cooper, Kiss, Marilyn Manson – nur einige, die sich mit entsprechenden Anfeindungen konfrontiert sahen und daraus – kalkuliert oder nicht – durchaus auch Profit schlugen.

 

Der negative Opportunismus

Aus dieser rebellischen Haltung, dem Widerspruch zur offiziell propagierten Moral, und der geharnischten Reaktion der Altvorderen speiste sich immer wieder ein signifikanter Teil der Popkultur. Dabei ist nun keinesfalls immer der Kunst immanent, was die Sittenwächter zu den Waffen ruft. Der Anschein der Insubordination genügt – es muss ja was im Busch sein, wenn sich jemand nicht der besten aller möglichen Ordnungen fügt. Dass dieser negative Opportunismus immer wieder Menschen attraktiv erscheint, deren Bedürfnisse ideeller oder materieller Natur in der Gesellschaft vermeintlich oder tatsächlich nicht vorkommen, ist keineswegs zwingend, jedoch sehr verbreitet. In der Regel hat sich diese Opposition mit einem gewissen dann auch Alter erledigt, die Notwendigkeiten zwingen manchen in die „Einsicht“. Allerdings hat es auch immer wieder Fans und Künstler gegeben, die ihren „Way of life“ buchstäblich ums Verrecken nicht aufgeben wollten. Das Buch „Lords Of Chaos“ von Michael Moynihan und Didrik Søderlind erzählt in epischer Breite die Geschichte des Black Metal und verwandter extremer Spielarten des Heavy Metal. Teile dieser Szene radikalisierten ihre Opposition gegen die christliche Mainstream-Kultur soweit, dass sie auch vor Mord und den damit verbundenen Gefängnisstrafen nicht zurückschreckten. Allerdings ist die Musik auch hier nur der Soundtrack zur Ideologie, denn die Vorstellung einer sachlich notwendigen gegenseitigen Bedingung einer spezifischen Musik und bestimmter Gedanken.

Andreas Schnell

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