Noch ein goldener Oldie


aus TRUST Nr. 88, erschienen 2001

“Du darfst alles, wenn du in einer Band singst”

Ich weiß noch ganz genau, wie unser Papst Jever eines Tages aus Los Angeles berichtete, dass er Saccharine Trust gesehen habe, die längst für immer vergangen Geglaubten, mit einem einigermaßen durchgedrehten Jack Brewer, dem unverzichtbaren Joe Baiza – auch bekannt von Universal Congress Of – und zwei Jungspunden an Bass und Schlagzeug, ohnehin eher die flexiblen Posten bei Saccharine Trust. Das muss so 1997 gewesen sein.
Ein wenig später erzählte mir dann Joe Baiza, es sei ein neues Album mit Saccharine Trust ge-plant. Und 1999 kamen sie tatsächlich – zum ersten Mal – nach Deutschland, um bei Hazelwood in Frankfurt/Main besagtes Album aufzunehmen. Beste Drähte dorthin gab es eh schon, weil Baiza bei Hazelwood mit den UCO-Nachfolgern Mecolodiacs schon deren zweites Album veröffentlicht hatte und auch ein weite-rer Teil der UCO-Zerfallsmasse dort als Kool Ade Acid Test (KAAT) unterkam. Bei Hazelwood fühlt man sich freundschaftlich aufgehoben und betreut.

Schönes Wochenende
Ihren Aufenthalt in Europa nutzten Saccharine Trust für zwei Auftritte, deren erster mit Bulbul in der Glocksee in Hannover stattfand. Im Prinzip ja eine kleine Sensation, was gleichwohl mal wieder fast niemand wusste – zum Glück hatte wenigstens mir jemand Bescheid gesagt. Saccharine Trust, SST-Urgestein, der irre Brewer erstmalig überhaupt außerhalb der USA zu sehen, weil er aus irgendwelchen verworrenen Gründen, die wohl damit zu tun haben, dass er kurz nach seiner Geburt aus Kuba in die Ver-einigten Staaten geschleppt wurde, nicht einmal die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hatte und deshalb nicht so einfach ausreisen konnte, weil er gewärtig sein musste, nicht wieder heim zu kommen. Abgesehen davon, dass wir es hier ohnehin mit prekären Existenzen zu tun haben, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass es die erwähnte Sensation eben doch nur für einen kleinen Kreis war.
Und Saccharine Trust waren eben nie so erfolg-reich wie die großen Namen des SST-Labels, nicht einmal so erfolgreich wie der UCO, der sich immerhin eines Tages dagegen entschied, auf dem Alternative-Zug mitzufahren. Joe Baiza kann zwar auch nicht allein von der Musik leben, aber immerhin fast. Jack Brewer arbeitet am Bau und hat sich den Rücken damit bereits derart lädiert, dass er sich am Nachmittag vor dem Konzert noch ein paar Stunden hinlegen muss. Und anreisen tut der Saccharine Trust an jenem Samstag im Juni mit dem Wochenend-ticket der Deutschen Bahn…

Hollywood
Sieht man sie auf der Bühne, erhält man eine Ahnung, wie es mal gewesen sein könnte, bei den Punkern in Hollywood und umzu, ein Haufen Durchgeschossener, Künstler, musikali-scher Abenteurer, Außenseiter, die hier auf einmal die aufregendste Musik der Welt spiel-ten, unbekümmert um Formen und Stile, ein neues Genre erschaffend, dass schon kurz darauf so formalisiert war, dass wieder neue Quellen erschlossen wurden, was zu der Blüte von SST-Records führte, wo sich Mitte der Achtziger Hardcores, Rocker, experimentieren-de Improv-Typen und Freejazz-Afficionados unter dem gleichen Dach trafen und an-scheinend bestens verstanden, bis dann irgend-wann die erfolgreichen Bands kaputt oder beim Major oder beides waren und so langsam das Geld für die ganzen Experimente ausging.
Laut Baiza war die Szene allerdings schon am Ende als UCO anfingen. Jack sieht Greg noch ab und zu. “Er hat eine Radioshow auf Screw Radio, ziemlich verrückter Kram. Er bringt auch ab und zu Platten raus.” Und Joe meint: “Ich habe gehört Greg macht nur Sachen, bei denen er selbst mitspielt, wenn du also auf SST sein willst, musst du nur in seine Bands einsteigen. – Nein, er macht schon ein paar gute Sachen. Sort Of Quartet, Fatso Jetson, Hotel X, das waren gute Sachen, die vor nicht allzu langer Zeit bei SST rauskamen.”
Aber natürlich interessiert das heute niemanden mehr so wahnsinnig. Und die Älteren unter euch wissen das wahrscheinlich sowieso alles, wenn sie es nicht schon wieder vergessen haben.

“Our music is a lot more interesting than our interviews” (J. Brewer)
SaccharineTrust atmen immer noch den Geist von damals. Joe Baiza spielt immer noch on the edge, probiert aus, streckt suchend seine Finger aus. Brewer hüpft wie bescheuert auf der Bühne herum und wirkt dabei nie berechnend. Als er sich nach ein paar Songs entschließt, seinen Mantel doch noch auszuziehen, fällt ihm ein, dass der Song schon läuft, er singen muss und vielleicht nicht einfach nach hinten gehen sollte, um seinen Mantel abzulegen. Er hängt ihn sich über die Schulter, wo er nicht bleibt, weil Brewer eben immer herumhüpft. Mikrophon in der einen, Mantel in der anderen Hand kommt er nach einer Weile dann immerhin drauf, den Mantel einfach mal auf der Bühne abzulegen.
Baiza hatte mir bei einem früheren Interview schonmal eine Geschichte über Brewer erzählt: “Er ist ein bisschen verrückt und muss manch-mal Sachen tun, um zu entspannen, weil er sehr nervös ist. Als wir jünger waren, war er viel verrückter. Einmal ging er ins Publikum. Wir spielten ein ziemlich langes Stück und Jack war nicht auf der Bühne. Wir spielten und spielten und ich dachte, verdammt, gleich kommt der Übergang, wo ist Jack?! Ich folgte mit meinem Blick dem Mikrophonkabel und auf einmal sah ich seine Füße: Jack steckte unter dem Kleid einer Frau auf seinen Knien und sang dabei. Sie schaute etwas seltsam aus der Wäsche und stand einfach nur da. Später sagte Jack zu mir: Joe, ich habe herausgefunden, dass du alles darfst, wenn du in einer Band singst.”

Jack & Joe
Die Bekanntschaft der beiden steht am Beginn von Baizas Musikerlaufbahn. “Ich wollte ei-gentlich kein Musiker werden, das war mir zu nahe liegend”, erzählte Baiza im gleichen Inter-view. “Ich wollte Künstler werden. Aber als ich Jack Brewer traf, sagte er: Komm Joe, hilf mir bei dieser Band. Er spielte Bass und ich sollte Gitarre spielen. Ich sagte: Okay, aber nur als kleines Experiment. Dann gründeten wir eine andere Band, wo er sang. Und ich sagte mir immer: Ich mach das nicht lange, nur als kleines Hobby. Ich wollte die Musik immer zerstören. Ich begann das Gitarrespielen von einem künstlerischen Standpunkt aus. Ich konnte keine Note, keine Akkorde.” So begann Baiza mit 27 Jahren, Gitarre zu spielen.
Den Autodidakten hört man heute noch aus seinem Spiel heraus. Und hierin liegt auch eine Parallele zu Ornette Coleman, auf dessen “harmolodisches” Konzept von UCO auf “This Is Mecolodics” ebenso angespielt wurde, wie das Cover-Design der gleichnamigen LP auf den Free Jazz-Pionier verweist. Coleman war schließlich selbst musikalisch nicht eben um-fassend ausgebildet, und es gibt da diese alte Geschichte, dass er auf eigene Faust das Saxo-phon erlernte, ohne zu wissen, das dieses In-strument anders gespielt wird, als es in Noten geschrieben wird, weshalb im Grunde alles, was der kleine Ornette spielte, tonal falsch war, auch wenn die Intervalle erhalten blieben.

The Great One Is Dead
Es dauerte fast zwei Jahre, bis das neue Album von Saccharine Trust erschien, das erste seit 15 Jahren – nimmt man die Compilation “Past Lives” aus, die nach der Auflösung heraus kam. Und als ob nicht seither Punkrock ver-schiedentlich für tot oder zumindest seltsam müffelnd erklärt wurde, als ob nicht seither der Gedanke hinter SST lediglich mehr in obskuren Zusammenhängen oder/und eher losgelöst von dem Schaffen der einstmaligen Protagonisten – abgesehen vielleicht von Typen wie Mike Watt und eben Baiza selbst – weiter lebt, wenn über-haupt, setzen Saccharine Trust im Grunde genau da an, wo sie damals aufhörten. Psyche-delisierter Jazz, Rock, Punk, was auch immer, Baiza surft zwischen den Welten, Brewer be-schwört die Scharen seiner Dämonen, während die beiden Neuen – Brian Christopherson am Schlagzeug und Bassist Chris Stein – die kom-plexe Grundlage herstellen. Nicht so ausufernd wie früher zuweilen. Nach wie vor unverkenn-bar. Wer sonst könnte so klingen? Selbst ein Surf-Song wie “Neruda’s Wave” erinnert hier wirklich nur von der Ferne nach dem, was man sich sonst so drunter vorstellt.

Neruda’s Wave
Der Surf-Song sei auf ausdrücklichen Wunsch des Produzenten Gordon Friedrich entstanden, meint Joe. Den wiederum hat er kennen gelernt, weil jener Steve Gaeta, den letzten UCO-Bassisten kannte, der Leute für KAAT suchte. Joe sollte Gitarre spielen, woraus sich schließ-lich die letzte Tour des UCO entwickelte. Saccharine Trust, die es zu diesem Zeitpunkt bereits wieder gab, sollten dann mit KAAT auf Tour gehen, was an Brewers fehlendem Pass scheiterte. Also kamen die Mecolodiacs, nahmen ein Album auf und tourten mit KAAT. Nur zwei Wochen bevor Saccharine Trust schließlich nach Europa kamen, um ihre Platte aufzunehmen, wurde Brewer amerikanischer Staatsbürger. “Ich bin in meinem Leben nur zwei Wochen lang Bürger gewesen, und jetzt bin ich schon wieder ein Fremder…”, meint er, als wir uns in Hannover treffen.

Dieser Fremde ist nicht von hier
Brewer ist sowieso ein stranger Typ. Schüchtern anscheinend, weshalb er auch mit seinen Ge-dichten kaum an die Öffentlichkeit tritt. Höch-stens mal in Cafés, wo er dann mit zwanzig anderen Dichtern vor denselben zwanzig Dich-tern liest, wie er meint. Ein paar Mal ist er mit dem Sort Of Quartet aufgetreten, dem alter Ego der Band Fatso Jetson, wobei Chris einfällt, dass das eine ziemlich gute ‘desert-band’ ist. ‘Desert-Rock’ – Ob wir davon schon gehört hätten? Man nenne das bei uns Stonerrock, klären wir ihn auf. Jedenfalls kennen die beiden Jungs die Wüstenszene und die Leute von Kyuss und Queens Of The Stone Age und hängen ab und zu in der Wüste ab.
“Meinte nicht auch mal jemand, wir seien eine Wüstenband?” fragt Jack zur Erheiterung der kleinen Runde, die an jenem Tag im Mai vor zwei Jahren auf der Halfpipe im Innenhof der Glocksee zum Interview beisammen sitzt.
Später am Abend dann die erste Saccharine Trust-Show außerhalb der USA ever. Birger von den Geteilten Köpfen ist auch da, um seinen alten Buddy Joe zu treffen. Hatte schon was von einem Klassentreffen. Kein Zweifel, mit dem Geist dieser Zeit hatte das nicht so viel zu tun. Sogar das Info zur neuen Platte nennt die dar-auf enthaltene Musik “eine beeindruckende Reminiszenz an den Spirit jener Tage”.

Das ist sie allerdings auf jeden Fall.

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