Vor zehn Jahren für die taz bremen aufgeschrieben:


taz Bremen 7.5.2002

Die Logik der Manipulation

 Darf man „Rammstein“ hören? Morgen diskutiert Martin Büsser über reaktionäre Tendenzen in der Popmusik

Um „rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik“ geht es in Martin Büssers neuestem Buch. Der Autor beschränkt sich nicht darauf, bloß bei den Faschisten danach zu suchen, weil „der Virus bereits die so genannte Mitte erreicht hat und sich von dort aus munter in alle Richtungen hin ausbreitet.“

Sei der Virus noch so sehr ein metaphorisches: Büssers Gesellschaftsverständnis entspricht die Vorstellung, wie wir sehen werden. Die „neue Mitte“ ist nicht etwa der nach dem Kalten Krieg auf seine neuen Bedingungen aktualisierte deutsche Nationalismus, sondern das Gegenteil: eine Gefährdung der bisherigen Ordnung. Dass Pop als rebellische Kultur sich zur Mitte hin bewegt habe, mag korrekt sein. Büssers „Erklärung“ bringt aber einiges durcheinander.

Ließe sich die Konformität der bekrittelten Musik als Ausdruck von Ideologie recht plausibel erklären, weil der Inhalt eines Kunstproduktes in den Gedanken der Produzenten seinen Ursprung hat, soll der Pop der neuen Mitte vielmehr eine Art Gehirnwäsche sein, die die ihr ausgesetzten Menschen verdirbt.

Rock’n’Roll infiziere sein Publikum mit Posen der Stärke, in denen sich der Neoliberalismus fortsetze, weshalb Büssers Forderung lautet: „Cocks stay out!“ Dass er gegen die „Schwänze“ wettert, hindert ihn nun keineswegs, die intellektuelle Hose ganz dick zu tragen. In seinem Buch fliegen einem die Derridas, Blochs und Marx‘ nur so um die Ohren – leider keineswegs immer, um etwas zu erklären. Ausgerechnet, dass „der Grad der Zivilisiertheit, wie Jaques Derrida einmal gesagt hat, bei der Ernährung beginnt“, soll manchen Punk veranlasst haben, sich vegan zu ernähren. Ohne erörtern zu wollen, ob ein vegetarischer Führer „zivilisierter“ ist, als ein carnivorer Kohl: Mehr als eine Behauptung ist das nicht.

Diese Logik der Manipulation, die noch jeder Zensor dieser Welt seinem Tun zu Grunde legt, basiert auf der Annahme, Kunst würde im Rezipienten – ohne dessen Zutun – allerlei auslösen, weshalb auch das zitierte Bild vom Virus so gut passt. Wer so denkt, meint genau zu wissen, was das Hören einer Rammstein-Platte bei Menschen bewirkt, die nicht so schlau sind wie man selbst.

Der behauptete Wirkungszusammenhang (neu aufgelegt in der Debatte um Computerspiele und die NuMetal-Band Slipknot nach den jüngsten Ereignissen in Erfurt) allerdings harrt eines solchen Nachweises.

Der blinde Punkt dieser Vorstellung: das Bewusstsein der „Manipulierten“, denen beim Konsum von Musik Gedanken und Interessen unterstellt werden, die nur Büsser und der Zensor kennen, weshalb den zum Objekt gemachten Subjekten kritische Gedanken auch nicht mit Argumenten nahe zu bringen sind. Eine Unterstellung? Büsser: „(…) es sei denn, man würde noch auf eine sensiblere, bessere (!) Menschheit hoffen, die dank plötzlicher, kollektiver Abkehr vom ,Anton aus Tirol‘ und von Andrew Lloyd-Webber durch das Hören von Morton Feldman entstünde (!).“

Das wird nun gewiss nicht geschehen, weshalb man sich getrost zurücklehnen und die „richtigen“ Platten hören kann und sich nicht der Mühe unterziehen muss, sich etwa in mühevollen Diskussionen mit Leuten aufzureiben, die (oh Graus!) Rammstein hören. Die würden das ja eh nicht verstehen…

Andreas Schnell