Vor zehn Jahren


Wo sie einen nicht überall hingeschickt haben, die netten Leute von der taz bremen, als die n0ch einen täglichen Kulturteil hatte…

taz Bremen 9.3.2002

Dicke Lippe & Plauze

 Flaming Sideburn’s Sause im Tower

Dass es beinahe wie im „Star-Club“ sei, sagte Cool-Jerks-Gitarrist und -Sänger Wolffinger angesichts des gut gelaunten Mobs vor der Bühne. Die drei Cool Jerks bilden sozusagen eine Sixties-Trash-Allstar-Band. Ihr mit Verve vorgetragenes Rhythm’n’Blues-Repertoire aus prägnanten eigenen Songs und Klassikern hätte zu annähernd jedem Zeitpunkt zwischen heute und 1966 entstanden sein können, ausgenommen vielleicht der Song über den Osterdeich.

Die Flaming Sideburns fackelten im Anschluss ein Feuerwerk aus druckvollem Rock’n’Roll ab, dessen Hitdichte überrascht, da die Band nebst ein paar Singles bislang erst ein einziges Album veröffentlicht hat. Überhaupt durfte an die Rolling Stones in mehrerlei Hinsicht gedacht werden. Vor allem Sänger „Speedy Martinez“ hatte sich tüchtig von Mick Jagger inspirieren lassen. Die dicke Lippe vorgeschoben tänzelte Martinez über die Bühne und präsentierte sich als Rock Animal in enger Leopardenhose. Die unfreiwillige Komik, dass sich über dem Gürtel bereits ein Bäuchlein wölbte, was sich Jagger nie erlaubt hätte, sowie der recht dürftige Wuchs von Martinez, störte das Publikum keineswegs.

Musikalisch haben sich die Sideburns durchaus von ihren Vorbildern emanzipiert. Statt der so filigranen wie stolprigen Riffs von Keith Richards und des delikaten Spiels Mick Taylors gibt es bei den Sideburns solide Power-Chords. Ihren druckvollen Rock variieren die Finnen nur selten, wie in dem hübschen „Flowers“ oder dem surfenden „Lonesome Rain“. Aber das Ziel heißt schließlich „Party“, und das wird auch unmissverständlich verfolgt: Sämtliche agitatorischen Mittel des Rock werden erbarmungslos in Anschlag gebracht, vom Vorklatschen bis hin zum gemeinsamen Absingen.

Bei einem so bewährten Rezept und einem so soliden Repertoire, wie dem der Flaming Sideburns, war es kein Wunder, dass die Fans sich blendend amüsierten und Martinez buchstäblich auf Händen trugen – durch den ganzen Saal. Und das nicht nur einmal.

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