Vor zehn Jahren in der taz


taz Bremen 2.3.2002

Deutsches Leben verhindern

 Deutschpunk: Die Terrorgruppe spielten im Magazinkeller und machten Laune

Je nach Standpunkt eine gute oder eine schlechte Nachricht vorweg: Das Leben im Feucht-Soziotop namens Deutschpunk ist auch im Jahr 2002 das Immergleiche. Die klassischen Disziplinen: Wer hat den längsten Iro, wer trinkt am meisten Bier. Gern darf zwischen den Gängen eine Runde „Oi-oi-oi“ skandiert werden, oder auch mal ein rituelles „Nazis raus!“ Und ziemlich genau in dem Augenblick, da Hammerhead, die erste Band des Donnerstagabends, sich loszulegen anschickte, schleppte man den ersten vor die Tür, der nicht mehr in sich halten konnte.

Soweit also alles in bester Ordnung. Und Hammerhead sorgten für gute Laune, indem sie sich nuancenarm und in erhabener Stumpfheit durch ihr Programm frästen, wobei sie in etwa zwei Tempi kannten, die sich jeweils halbieren respektive verdoppeln lassen. Die Terrorgruppe macht es sich schon etwas schwerer, hat auch sowas wie musikalischen Anspruch, was vielleicht von Vorteil ist, wenn man nicht nur eine halbe Stunde auf der Bühne stehen will.

Die Terrorgruppe, deren Mitglieder überigens die Eltern großer Teile des Publikums sein könnten, setzt sich aus Ehemaligen famoser einheimischer Hardcore-Legenden wie „Inferno“, „Happy Hour“ und „Hostages Of Ayatollah“ zusammen, die ihre Erfahrungen seit einigen Jahren in der Terrorgruppe erfolgreich verarbeiten. Dass sich über die Jahre ein etwas distanziertes Verhältnis zur eigenen Klientel eingestellt hat, überspielt die Terrorgruppe mit einer Mischung aus Pädagogik und Zynismus. Als aus dem Publikum jemand Terrorgruppe-Sänger Archi anpöbelt, er sei doch stockschwul, antwortet der, das könne sehr gut sein, das sei aber doch völlig uninteressant. Und einer seiner Mitmusiker ergänzt: „Da kann man wenigstens keine Kinder kriegen. Verhindert deutsches Leben!“

Vielleicht wirkt die Terrorgruppe nur deswegen so smart, weil sie sich so deutlich abzeichnen vom gruseldurchschnitt des deutschsprachigen Punkrock. Und wenn sie singen, „Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin“, dann ist das eine ironische Brechung der simplen Anti-Moral, mit der die Terrorgruppe selbst kokettiert, zu der das Gros ihrer Kollegen schon nicht in der Lage ist. Dass diese kleinen Unterschiede nicht wenigen Fans der Band ein Geheimnis bleiben werden, ist anzunehmen. „Auferstanden aus Ruinen“, das zum Finale vom Band kommt, wird so zu einem Symbol der Hoffnung, dass doch eines Tages noch einmal etwas anderes möglich sein möchte. Die Apokalypse als letzte Chance auf eine irgendwie bessere Welt, deren Anblick notwendig wegen ein paar Bier zuviel verschwommen bleiben muss. Oder so ähnlich.

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