Vor fünf Jahren trugen wir Oma Hans zu Grabe


kurzkritik: Oma Hans

Würdiger Abschied

Ohne für die Wahrheit der Anekdote bürgen zu können, sei sie erzählt: um eine Gemütslage zu kennzeichnen, die – sublimiert – heute noch im Universum von Jens Rachut, Sänger von „Oma Hans“, fortwest. Im Rahmen einer zwielichtigen Veranstaltung erzählte ein alter Bekannter Rachuts, er habe jenen Ende der Siebziger am frühen Morgen an einer Hamburger Bushaltestelle kennen gelernt: als der junge Rachut ihn bat, ihm ans Bein zu pinkeln.

Punk war eben keine Frisur und nicht nur drei Akkorde. Dass der Mann, dessen Bands Namen trugen wie „Blumen am Arsch“ der „Hölle, Angeschissen und Dackelblut“, Wut und Blues lyrisch auf kühnen und einsamen Metaebenen zu verarbeiten versteht, rettete ihn und seine Genossen immer wieder aus der Deutschpunk-Falle. Auch musikalisch herrschte hier ein anderer Ton. Der Einfluss der legendären Wipers, die Wehmut der schroffen Kompositionen erhebt sie über bierseliges Einerlei.

Nun soll mal wieder Schluss sein. Aber die nächste Band dürfte bereits in den Köpfen reifen. Gerade ist „Oma“ auf Abschiedstournee. Knapp 300 alte Freunde kamen in den Schlachthof-Keller, um der großen alten Dame des Hamburger Punk letzte Reverenz zu erweisen. „Oma Hans“ gab es ihnen lang und ausdauernd.

(taz Bremen 2.1.2006)