Vor zehn Jahren


eröffnete die taz bremen die Reihe „Der Ausgeher“ mit einem Text von mir, der – des Termines wegen – vom Römer handelte, wo man mich am 24.12. Dezember dieses Jahr wohl dann doch nicht finden wird. Und der ging so:

taz Bremen 24.12.2001

Der Ausgeher (1)

Der Römer ist Legende: Ständig stoßen da die Leute zusammen

Ist es Courage, was mich auch in diesem Jahr am 24. Dezember wieder in den Römer treiben wird? Oder ist es eine etwas absonderliche Gewohnheit, eine sentimentale Marotte, die mit einer gewissen Beharrlichkeit die Hoffnung erhält, es könnte da diesmal etwas anderes passieren? Oder ist es einfach Langeweile, weil der Römer nach einem beherzten Gang durch die Kneipen dann doch wieder der einzige Laden ist, wo an diesem Abend irgendwas geht?

Die zentrale Bedeutung, die der kleine Beatclub am Fehrfeld seit einer halben Ewigkeit in hiesigen Biographien nach wie vor einnimmt, hat sich zumindest für das jährliche Feiertagspublikum erschöpft. Geh‘ einer von denen sonstmal in den Römer. „Da sind doch nur noch Kids“, heißt es dann verächtlich. Keine Ahnung, was daran stören soll, andererseits war angeblich früher vieles anders, wie man so hört. Nur die Putten an der Decke mit den Kerzen in der Hand sind die gleichen. Soll sogar mal ein Klavier im Römer gegeben haben. Und Faith No More, Henry Rollins und Blumfeld haben auch mal auf der kleinen Bühne gestanden. Im Römer beginnen Karrieren.

Welche das sonst noch sind, lässt sich an keinem anderen Abend besser sehen, als am 24. Dezember. Da stößt man auf den alten Schulkameraden, der „es“ inzwischen geschafft hat. Oder eine alte Bekannte, die beschlossen hat, nochmal ganz von vorn anzufangen, im Ortsverein der SPD oder so. Man will ja auch was „bewirken“. Spätestens dann wird es Zeit, unter dem Vorwand, einen frischen Drink zu benötigen, sich unauffällig zwischen den dicht an dicht gedrängten Menschen vorbeizudrücken und alte Feindschaften zu pflegen.

Ständig stoßen die Leut‘ zusammen, am Durchgang zur Tanzfläche, über der immer noch in 80er-Neon-Lettern „Dance“ steht, oder entlang des Tresens, wo sich der Strom verjüngt, zumindest bildlich gesprochen. Einige haben sich seit Jahren nicht gesehen. Ah, die Schauspielerin von der Volksbühne, inzwischen im Online-Geschäft, mutig, mutig … Und der da, auch nach Berlin gegangen, legt irgendwo Platten auf. Kennen Sie diese Statistik, die besagt, dass es in Berlin mehr Bremer gibt, als in Bremen? Kennen Sie nicht? Macht nichts, war nur so ein spontaner Gedanke.

Sie alle beginnen mit den gleichen Chancen, so steht es geschrieben, und die eine neigt nun mal zur proletarischen Lebensart, der andere ist ein echter Machtmensch, jener ein Bonvivant. Und Leute, die wissen, wie der Hase läuft, gibt es auch. So einen traf ich vor Jahresfrist am Tresen. Ganz unten gewesen. Hatte Bier auf Hawaii verkaufen wollen, einer alten Weise folgend, gemäß derer es dort keines gebe. Stimmte natürlich nicht, außerdem hatte er kein Geld für anfallende Investitionen und auch keine Arbeitserlaubnis. Er hatte alsdann, nicht auf Hawaii, einen Klempner-Notdienst eröffnet, eine kleine Backstube gegründet und – an dieser Stelle senkte er die Stimme- mit „Marihuana“ gehandelt. Er spendierte ein Bier nach dem anderen. Jetzt machte er in Fertighäusern. Er sei auf dem Weg nach ganz oben. Er habe herausgefunden, wie man’s macht. Verraten hat er es mir leider nicht. Biographien gehen ja immer so: Leute, die es geschafft haben, haben es geschafft, weil sie an sich geglaubt haben. Durch jede Durststrecke haben sie sich immer wieder eingehämmert, dass du an dich glauben musst. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Sonst hätte es schließlich nicht geklappt… Bei den anderen ist es immer das Schicksal. Hatt‘ nicht sollen sein. Muss ja. Hilft ja nix, kannst nix machen, was soll’s, is‘ so. Ja, überhaupt: Könnte es nicht alles noch schlimmer kommen?

Andererseits war ich nicht zum Philosophieren unterwegs. Ich wusste, worauf ich mich einließ. Vielleicht konnte ich das Vergnügen auf meine Seite bringen. Schließlich war man leutselig, in diesen Tagen.

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