Vor zehn Jahren


wählte ich folgende Alben für den BREMER zur Rezension aus:

NEU!

Neu!

Neu! 2

Neu! 75

GRÖNLAND/EMI

Wer in den vergangenen Jahren aufmerksam Interviews mit Stereolab, Tortoise, Radiohead und anderen schwerst unumstrittenen Protagonisten der fortschrittlichen Pop-Musik gelesen hat, wird spätestens dort dem Namen Neu! begegnet sein. Ausgerechnet Herbert Grönemeyer sorgt nun dafür, dass bisher Unberührte nachvollziehen können, was es damit auf sich hat. Auf seinem Label Grönland veröffentlichte er die drei Neu!-Alben, die zwischen 1971 und 1975 entstanden, erstmals auf CD.

Michael Rother, später durch fade Soundtracks aufgefallen, und Klaus Dinger, mit La Düsseldorf zu Ruhm gekommen, hatten die Band nach ihrem Ausstieg bei Kraftwerk gegründet. Ihre elegant-minimalistische, weitest gehend instrumentale Musik, getragen von einem treibenden, ausgedünnten Beat, klingt auch nach dreißig Jahren noch kühn – und kein Stück nach fusseliger Hippie-Verquastheit. Die Blaupause, das Debüt Neu!, begann mit dem zehnminütigen „Hallogallo“, das allein schon zur Legendenbildung genügt hätte. Album Nr. 2 eröffnete 1973 nicht umsonst mit einer deutlichen Remniszenz an dieses Überstück. Weil Rother und Dinger während der Aufnahmen das Geld fürs Studio ausging, bearbeiteten sie zwei Stücke einer bereits erschienen Single, um die zweite Seite zu füllen. Eine archaische Form des Remix: Sie spielten die Stücke schlicht in verschiedenen Geschwindigkeiten noch einmal ab – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Neu! 75 ließ dann schon die unterschiedlichen Richtungen erkennen, in die Rother und Dinger wenig später gehen würden. Die erste Hälfte (formerly known as A-Seite) klingt fast schwelgerisch und sehr melodisch, während die zweite Hälfte resp. Seite B Punk antizipiert, wie ihn Dinger später bei La Düsseldorf spielen sollte.

UNIVERSAL GONZÁLEZ

Universal González

TRIKONT/INDIGO

Ein Grenzgang: Vier Leute mit einigermaßen imposanter Vergangenheit in Punk/Bohême-Welten schufen unter dem Namen Universal González ein Werk, das zwischen kühler Distanz und schonungsloser Direktheit, zwischen Bossa Nova, Chanson und Schlager, zwischen beherzter Platitüde und luzider Lyrik, zwischen Leichtigkeit und Tristesse schwingt.

Lieder von Antonio Carlos Jobim, Jorge Ben, Serge Gainsbourg und Genesis P. Orridge stehen bruchlos neben denen von Schlagzeuger Jaques Palminger, der in der Vergangenheit nicht nur als Schlagzeuger von Dackelblut tätig war, sondern auch mit Studio Braun erfolgreich ist. Hier erweist er sich als der exzellente Komponist, den wir in ihm sowieso vermutet haben. Dass er als Lyriker im deutschen Sprachraum in einer eigenen Liga agiert, könnte sich mittlerweile herum gesprochen haben.

Claudia González schließlich – einst bei Goldenen Zitronen und Di Iries tätig – singt die lakonisch melancholischen Geschichten Palmingers mit kühlem Timbre, fast schon kunstlos, und erinnert so ein wenig an eine dunklere Version Astrud Gilbertos, oder vielleicht auch an eine weniger morbide Nico.

 

 

SWIM TWO BIRDS

No Regrets

LAIKA

Mittlerweile hat das aktuelle Line-Up der Bremer Band Swim Two Birds ein neues Level der Kompaktheit erklommen. Frontmann Gu bettet seine Vocals zwischen Rezitation und Crooning in die dynamischen Kompositionen noch geschmeidiger ein. Gitarrist Tammo Lüers, der auch bei Velvetone spielt, sorgt mit seinem Twang-Sound für schummrige Atmosphäre, während die Bläser um Bandleader Achim Gätjen in brillanter Perfektion glänzen. Zwischen Mingus-Bigband-Sounds, kraftvollem Swing, Mariachi-Sounds und sleazy Barjazz, angetrieben von Schlagzeuger Achim Färbers kraftvollem Spiel sind Swim Two Birds bei aller Komplexität immer ganz bei sich selbst. Die beiden Fremdkompositionen, „Hubcaps & Taillights“ und das Perry-Mason-Thema fügen sich nahtlos in das eigene Repertoire ein.

Auch wenn alte Fans möglicherweise den komplexen Hardcore-Jazz-Irrsinn der ersten Alben vermissen werden, ist „No Regrets“ ganz sicher ein Höhepunkt des bandeigenen Schaffens.

Das alles findet bekanntlich seit Jahren direkt vor unserer Haustür statt. Und wer es bislang verpennt hat, dieser großartigen Band seine oder ihre Aufmerksamkeit zu schenken, hole das bitte schnellst möglich nach.

BLINK 182

Take Off Your Pants And Jacket

MCA

Natürlich bedienen sich Blink 182 musikalisch und lyrisch ungeniert bei NoFX, und ganz sicher haben sie auch davon profitiert, was Bands wie die genannten oder Green Day vorbereiteten. Auf diesen Schultern wuchsen sie zu so etwas wie einer Boy-Group für Punkrock-Novizen heran. Ihr erstes Major-Album „Dude Ranch“ von 1997 hat sich mittlerweile über 7 Millionen Mal verkauft. „Take Off Your Pants And Jacket“ dürfte die Erfolgsserie der Band aus San Diego, CA fort setzen. Ein gut gelaunter Chorus jagt den nächsten, ohne Verschnaufpausen brettern sie durch die clever konstruierten elf Songs von „Take Off Your Pants And Jacket“ und machen keine Gefangenen. Songs über Kids gegen Erwachsene, über die ersten Dates, die damit verbundenen Enttäuschungen und den Rock’n’Roll. Mit der damit verbundenen Minimalopposition ‚Kids vs. (spießige) Erwachsene‘ und ihren extrem catchy Songs sind Blink 182 eine ganz klassische Pop-Band, und daran ändert auch der Sinn fürs Zotige nichts, wie sie ihn vor allem bei den zwei Bonus-Tracks der limitierten Ausgabe von „Take Off Your Pants And Jacket“ praktizieren, in denen es zwar mit akustischen Gitarren etwas filigraner zugeht, lyrisch allerdings umso derber.

 

LILLY FROST: Lunamarium (Nettwerk/TiS) Eine eigenartig luftige Pop-Platte, die sich in naiver Nonchalance über die Fallstricke des Mainstream hinweg hebt und dabei so dermaßen charmant bleibt, dass sie ebendort doch wieder landen kann. Eine stilsichere Mischung aus angloamerikanischem Songwritertum und frankophoner Eleganz.

VARIOUS ARTISTS: Alpha Motherfuckers – A Tribute To Turbonegro (Bitzcore/Indigo) Eine illustre Schar setzt dieser großartigen Band ein Denkmal: Nashville Pussy, Bela B. & Denim Girl (aka Blümchen!), Queens Of The Stone Age, HIM, Motorpsycho, Dwarves, Hot Water Music, Therapy? und viele andere huldigen der Punk-Legende.

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