Platten


…, die ich vor zehn Jahren für den BREMER aus den Neuerscheinungen auswählte und wie folgt besprach:

WEEZER

Weezer

GEFFEN/MOTOR/UNIVERSAL

Na, wer hätte das gedacht?! Viereinhalb Jahre nach „Pinkerton“ sind Weezer wieder da und das immerhin mit einem geradezu klassisch zu nennenden Pop-Album. In der gebotenen Kürze, die viele große Pop-Alben auszeichnet, beweist Rivers Cuomo, dass er nach wie vor ein vorzügliche Songwriter ist.

Satte Gitarren, unwiderstehliche Hooklines und Harmonien, vielleicht nicht mehr ganz so überdreht wie auf dem gleichnamigen Debüt, aber nicht zuletzt deshalb umso klassischer. Ganz ohne solistische Eskapaden oder sonstige Ausschweifungen ordnet sich hier alles dem Ziel unter, den perfekten Song zu erschaffen. Angeblich soll Cuomo zwar kürzlich gesagt haben, dass er beim Songwriting der neuen Songs vor allem auf die Umsetzung seiner musikalischen Weiterentwicklung geachtet habe und weniger auf die Texte, allerdings hat diese Weiterentwicklung offenbar nicht darin bestanden, neue musikalische Welten zu erkunden. Sie scheint vielmehr innerhalb der Parameter des Weezer’schen Schaffens stattgefunden haben.

Jedenfalls ist jeder der zehn Songs des nicht mal eine halbe Stunde langen Albums eine virtuos ausbalancierte Perle. Und in Scheeßel gibt es in diesem Monat nun auch endlich wieder die Gelegenheit, Weezer auf der Bühne zu sehen. Riecht ganz schwer nach Sommer.

FOETUS

Flow

NOIS-O-LUTION/WARNER

In Bremen gab er vor rund fünf Jahren auf dem letzten Überschall-Festival eine einigermaßen desolate Vorstellung. Da war J.G. Thirlwell, Ikone des Post-Punk-Untergrunds der Achtziger, ganz unten. „Ich dachte, ich würde mit dreißig Jahren tot sein und lebte entsprechend“, teilt Thirlwell mit. „Aber wenn die Realität zuschlägt und du beginnst zu sterben, sagst du dir: Warte mal… vielleicht habe ich meine Meinung geändert – das war der Punkt, an dem ich wusste, ich müsste mein Leben verändern.“ Dass ihm das gut getan hat, hört man seinem überrraschenden, fast im Alleingang aufgenommenen Comeback an. Natürlich hat er nicht begonnen, fortan rosarote Lieder aus Lala-Land zu singen. Seine Songs sind nach wie vor düster, kaputt, schwanken zwischen Jazz, Noise, fies monotonen Samples, Bigbeats und kaputtem Rock. Aber Flow ist kraftvoll, wie lange keine Foetus-Platte war. Was sich mit seinem Gastauftritt auf dem Melvins-Album „Crybaby“ ankündigte, findet hier seine Bestätigung: Mit J.G. Thirlwell ist wieder zu rechnen.

Das nächste Werk steht schon bereit: „Blow“ heißt der böse Zwilling von Flow, der in Zusammenarbeit mit PanSonic, Charlie Clouser (NIN), DJ Food (Ninja Tunes), Kid 606, FM Einheit und anderen entstand, die mit Thirlwell die Songs von Flow elektronisch bearbeiteten. Und bald kommt er auch wieder mit handverlesener Band auf Tour.

TIED & TICKLED TRIO

Electric Avenue Tapes

CLEARSPOT/EFA

Vor einem Jahr trat das Tied & Tickled Trio, das bekanntlich gar kein Trio ist, im Hamburger Westwerk auf. Tobias Levin, der im gleichen Haus sein Studio namens Electric Avenue betreibt, war von dem seitens der Musiker gehegten Gedanken, ein Live-Album aufzunehmen, angetan. In der Tat: Wer das T&TT schon einmal gesehn hat, weiß, wie weit sich die Musiker auf der Bühne von den Studio-Versionen entfernen.

„T&TT live ist von jeher linearer, einfacher ausufernder und mit viel Platz für Improvisation arrangiert“, beschreibt Markus Acher, der wie sein Bruder Micha neben T&TT auch The Notwist betreibt, die Differenz zwischen den Situationen. Weil das Konzert am 10. Juni an technischen Pannen litt, nahm man Tags drauf unter gleichen Bedingungen – lediglich ohne Publikum – noch einmal auf. „Electric Avenue Tapes“ zeigt das T&TT in Bestform. Elektronische Musik, v.a. Dub einerseits und Jazz andererseits gehen hier eine Liaison ein, die den Begriff Fusion mit neuem Leben erfüllt. Zwar erinnert das so manchen an Miles Davis, gleichwohl hat diese Musik nichts mit musealer Traditionspflege zu tun.

Mit einer Attitüde, die sich mit der Punk-Vergangenheit der Musiker erklären ließe, werden aus unakademischer Liebe zu den verschiedenen Stilen die Karten neu gemischt. Hier auch noch die eigenen Resultate des Verfahrens. Auch das ein ziemlich großer Wurf.

VELVETONE

Dark Blossom

CROSSCUT/EDEL CONTRAIRE

Für gewöhnlich werden Velvetone als Roots-Rock-Band angekündigt. Das ist allerdings zumindest ein bisschen irreführend. Wie sie nicht erst auf „Dark Blossom“, ihrem dritten längeren Tonträger offenbaren, geht es ihnen keineswegs um die Reproduktion eines Sounds aus uralten Zeiten, eben von dort, wo fraglos die Wurzeln auch der Velvetone-Musik liegen. Diese Wurzeln sind indes lediglich der Ausgangspunkt. Von hier aus erforschen Velvetone die entlegenen Regionen, die vergessenen Ursprünge des Rock’n’Roll. Dabei erlauben sie sich auch experimentellere Zugänge, wie in „Bad Mood“, wo ein auf Vierspurband aufgenommener Schlagzeug-Beat verzerrt und verhallt die Grundlage für eine psychotische Jam bildet. Überhaupt, der Sound… Live eingespielt und mit großen Räumen entfalten die Songs auf Dark Blossom eine geradezu hypnotische Wirkung.

Nicht zuletzt die handverlesenen Gäste wie Wanda Jackson, der Akkordeonist Willy Schwarz, der schon auf „Big Time“ von Tom Waits zu hören war, oder Evelyn Gramel machen Dark Blossom zu dem bislang facettenreichsten Velvetone-Album. Polka, Zydeco, zwielichtige Mörder-Balladen, kraftvoller Rock’n’Roll und Fremdkompositionen, die nicht den Weg in die Standard-Abteilung gefunden haben. Es bleibt richtig, was einmal im „Superstar“-Magazin stand: Velvetone klingen weder nach Oldie-Band, noch nach Neo-Rockabilly. Große Platte.

SWIM TWO BIRDS

No Regrets

LAIKA

Mittlerweile hat das aktuelle Line-Up der Bremer Band Swim Two Birds ein neues Level der Kompaktheit erklommen. Frontmann Gu bettet seine Vocals zwischen Rezitativ und Crooning noch geschmeidiger in die dynamischen Kompositionen ein. Gitarrist Tammo Lüers, der auch bei Velvetone spielt, sorgt mit seinem Twang-Sound für schummrige Atmosphäre, während die Bläser um Bandleader Achim Gätjen in brillanter Perfektion glänzen. Zwischen Mingus-Bigband-Sounds, kraftvollem Swing, Mariachi-Sounds und sleazy Barjazz, angetrieben von Schlagzeuger Achim Färbers kraftvollem Spiel sind Swim Two Birds bei aller Komplexität und stilistischen Vielfältigkeit immer bei sich selbst. Die beiden Fremdkompositionen, „Hubcaps & Taillights“ und das Perry-Mason-Thema fügen sich dabei nahtlos in das eigene Repertoire ein.

Auch wenn alte Fans möglicherweise den komplexen Hardcore-Jazz-Irrsinn der ersten Alben vermissen werden, ist „No Regrets“ ganz sicher ein Höhepunkt des bandeigenen Schaffens.

Short Cuts

FAST FORWARD: Public Disorder (Moloko+/Target) Musiker der französischen Bands Treponem Pal und Gothic verbinden als Fast Forward höchst effektiv fette Metal-Gitarren, krachige Industrial-Sounds und Hardcore-Techno, einschließlich einer brachialen Version des DAF-Klassikers „Der Mussolini“.

LIFT TO EXPERIENCE: The Texas-Jerusalem Crossroads (Bella Union/EFA) Biblische Bilder, flirrende Gitarren, weite musikalische Räume. Archaisch, episch und ziemlich schön ist die Musik dieser drei Texaner. Angenehme Erinnerungen an My Bloody Valentine und den Gun Club werden wach.

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