Einer meiner schönsten Blohms


erschien hier und dann:

 

taz Bremen 25.1.1999

Rieu ne va plus

Die Odyssee des Dr. Blohm im Operettenland ohne Zuspruch von Herrn Voss. In welcher Stadt sind wir hier?

Sie haben sicherlich von diesem André Rieu gehört. Zu Silvester soll er gleichzeitig auf drei Programmen zu sehen gewesen sein. Am Freitagabend bedauerte ich für einen Moment, niemals in die Ferne zu sehen, sonst hätte ich mir vorher ein Bild von dem machen können, was mich somit unvorbereitet traf.

Ich hatte den Auftrag, mir diesen Rieu anzuschauen und darüber zu berichten. Da mein Kollege Voss verhindert war, meinte meine Frau, ich könne doch meine Mutter mitnehmen. Ich gebe zu, daß die freudige Zusage meiner Mutter mich hätte stutzig machen sollen. Hätte! Aber da war es ohnehin schon zu spät.

Nachdem wir mit einem öffentlichen Massentransportmittel die Stadthalle erreicht und endlich die euphemistisch als Loge titulierte Stuhlreihe gefunden hatten, ging es los. Wenig kam ich mir vor wie in einem Konzertsaal. Die Bühne erinnerte eher an eine Bonbonniere. Nachdem der ‚Maestro‘ die Bühne betreten hatte, begann das Konzert mit einem gellenden Akkord, der elektrisch noch bis ins Schmerzhafte verstärkt wurde. Sogar meine Frau Mutter bemerkte, daß man so jede Musik kaputt machen könne. Ansonsten hat sich die Gute aber tüchtig gefreut. Ich versuchte derweil vergebens, auf meine Kosten zu kommen. Erheiternd wirkte jedoch höchstens ein Geiger, der als dickes Kind in jeden Gary Larson-Comic gepaßt hätte.

Zwischen Stücken wie dem ‚Kaiserwalzer‘, ‚Wiener Blut‘, dem ‚Säbeltanz‘ und Operettenarien, während derer Rieu ein eher mittelmäßiges Violinenspiel darbot, gab es dann immer launige Conferencen, in denen der Mann vor allem mit seinem sorgfältig gepflegten holländischen Akzent auf Seelenfang ging. Die Liebe der Norddeutschen für derlei Kauderwelsch ist ja spätestens seit Rudi Carrell bekannt. In mir wuchs das Verlangen nach einem den Gleichmut befördernden, alkoholhaltigen Getränk, und ich mußte der Dame zu meiner Rechten Respekt zollen, die sich ihren Kümmerling von daheim mitgebracht hatte. Das Bier vor Ort war nämlich lauwarm und abgestanden.

Um auf die Conferencen zurückzukommen: Ich denke, dieser Rieu ist ein Zyniker par excellence. Nicht nur, daß er dem Publikum vorlog, es sei ein ganz besonderes gewesen. Er machte ihm sogar die Beliebigkeit dieses Komplimentes deutlich, indem er tat, als habe er vergessen, in welcher Stadt er sei, was seinerseits wiederum eine nicht minder beliebige Floskel ist. Sein Publikum nahm ihm nicht einmal übel, daß er es vorführte, indem er es ‚Ach, wie so trügerisch‘ aus dem Rigoletto singen ließ. Da das Publikum seine klassische Bildung offenbar im Rahmen der Schokoladenwerbung genossen hat, fiel der Chor bald in sich zusammen. Der Maestro sagte süffisant „perfekt“ und ließ das Orchester übernehmen.

Dann gab er der Meute schließlich noch den inbrünstig verlangten Mitsingteil, und da stimmte dann selbst meine Frau Mutter ein. Und die Dame neben mir, ganz recht, die mit dem Kümmerling, intonierte vom Bitter euphorisiert: Ja ja, der Tschianti-Wein…

Dann war der Spuk zum Glück vorbei und ich ging mich amüsieren, nachdem ich meine Frau Mutter in ein Taxi verfrachtet hatte. Ich kann Ihnen sagen, dieser Job als Kulturreporter ist kein Zuckerschlecken, aber wenigstens ist der Familienfrieden sichergestellt. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen Eltern-Kind-Kombinationen im Publikum.

Einzig, daß ich selbst hierbei zugegen sein mußte, trübte den positiven Effekt der Veranstaltung, was herzlich bedauert…..

Ihr Dr. Blohm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s