Identität


Ein Thema, das die Herren Blohm und Voß schon 1998 umtrieb – bis in den Fetischladen:

 

taz Bremen 9.3.1998

Das unausrottbare Normale mitten im Unnormalen

Dr. Blohm und Herr Voss, verloren zwischen Lack, Leder und Latex im neuen Spezialitätenladen „Cocon“

An einem regnerischen Tag laufen sich Blohm und Voss über den Weg. Blohm ziellos, Voss mit der Information, daß ein neuer Laden für Lack, Leder und Latex seine Eröffnung feiert.

Voss: Warum kommen Sie nicht mit. Sie sind doch für Ausgefallenes immer zu haben.

Blohm: Falls Sie nicht unser geplatztes Rosenstolz-Interview meinen…

Voss: Lassen Sie doch die ollen Kamellen. Hier ist es.

Blohm: ‚Cocon‘ heißt der Laden also. Ein Kokon ist, wenn ich das richtig sehe, ein Rundumschutz für Schmetterlinge, bevor sie ins Leben entlassen werden.

Voss: Jetzt halten Sie mal den Oberlehrer zurück. Hier gibt’s doch wirklich was zu sehen.

Blohm: Dieser junge Mann, der den Sekt kredenzt, ist nicht gerade von einer Schutzhülle umgeben.

Voss: Die junge Dame auch nicht. Aber das wenige, was sie trägt, scheint dem Stil des Hauses zu entsprechen.

Eine Kundin: Finden Sie nicht auch, daß sie fabelhafte Beine hat?

Voss: Nun ja, äh…

Blohm: Kommen Sie mal hierher, lieber Voss! Das müssen Dildos sein. Delphine, Bananen – die Formgebung scheint die ursprüngliche Variante kaum noch zu enthalten.

Voss: Doch, hier sind gleich zwei bis auf die Farbe naturgetreue Nachbildungen eingebaut… Eine Art Geschirr, das der Trägerin sozusagen laufend bilaterale Befriedigung garantiert. Billige Materialien übrigens.

Blohm: Deswegen wohl auch der verhältnismäßig bescheidene Preis.

Voss: Wäre das nicht etwas für Frau Dr. Blohm? (Er knufft den Doktor in die Seite)

Blohm: Ich bitte Sie!

Voss: Sogar Peitschen gibt es hier zu kaufen. Dabei macht das Publikum einen eher normalen Eindruck. Glauben Sie, daß die zu Hause, ich meine…

Blohm: Es ist nicht jedem vergönnt, sein Hobby zum Beruf zu machen, was wiederum manch einem aus Gründen der Betriebsvorschriften versagt, sein Lebensgefühl auch in der Öffentlichkeit zu zelebrieren.

Voss: Das haben Sie mal wieder schön gesagt. Stellen Sie sich einen Bankangestellten in Latex vor. Ich hol mir einen Sekt. Möchten Sie auch?

Blohm: Danke, ich bevorzuge Orangensaft. Sagen Sie, erwägen Sie ernsthaft einen Kauf?

Voss: Einige Sachen finde ich ganz kleidsam. Aber die Preise…

Blohm: Vielleicht ein Slip aus Leder, nur das Nötigste bedeckend…

Voss: Ich weiß nicht.

Blohm: Ohne Ihnen jetzt besonders nahe treten zu wollen, glaube ich auch nicht, daß das Ihrem Stil zuträglich ist. Ich jedenfalls käme mir etwas lächerlich vor. Körperteile, die unbedeckt sind, können schließlich auch gesehen werden.

Voss: Wollen Sie damit andeuten, ich wäre zu dick oder so etwas?

Blohm: Iwo! Tun Sie, was Sie wollen. Wir leben hier schließlich in einem freien Land, und die freie Entfaltung Ihrer Persönlichkeit gehört zu Ihren verbrieften Grundrechten.

Voss: Sie machen sich über mich lustig.

Blohm: Höchstens ein wenig. Es ist schließlich eine weitverbreitete Sitte, sich durch unkonventionelle Trachten und Aktivitäten von seiner Umwelt abzugrenzen, wobei paradoxerweise diese Separierung wiederum die Bildung von spezialisierten Gruppen fördert, in denen gemeinsame Sitten identitätsstiftend wirken. Solche Gruppen neigen nicht selten zu Uniformität, was gewissermaßen das Absurde des bürgerlichen Individualismus zeigt.

Voss: Was sagten Sie? Ich habe gerade nicht zugehört.

Blohm: Vergessen Sie’s. Ich mache mich auf den Heimweg.

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