Vor zehn Jahren


konnte ich mich über diese neuen Platten begeistern:

SANDY DILLON

East Overshoe

VIRGIN
SANDY DILLON / HECTOR ZAZOU
12

CRAMMED DISC/EFA

Auf ihrem letzten Album, „Electric Chair“, erregte Sandy Dillon mit kaputtem Blues und schwarzem Humor Aufsehen. Parallelen zu Captain Beefheart & His Magic Band und Tom Waits waren nicht von der Hand zu weisen, allerdings hatte Sandy Dillon mit einem ähnlichen Ansatz eine höchst eigene, bei aller Verschrobenheit schöne und zerbrechliche Musik geschaffen. War „Electric Chair“ stark blues-gefärbt, ist ihr neues Album „East Overshoe“ von einem Country-Flavour durchzogen, der entsprechend veranlagte Puristen genauso verschrecken dürfte, wie seinerzeit ihre Version von Blues. Sandy Dillon und Band sind wieder in Hochform, und das leider zum letzten Mal in dieser Besetzung, denn Dillons Gitarrist und Ehemann Steve Bywater starb Ende des letzten Jahres, kurz nachdem das Album abgeschlossen war. Seine einzigartigen Gitarren-Sounds prägen auch auf „East Overshoe“ den Sound der Band.

Ein anderes Projekt Sandy Dillons wurde ebenfalls noch unter Bywaters Mitwirkung fertig gestellt. Ganz anders, experimenteller und elektronischer als mit ihrer eigenen Band klingt die Sängerin mit Hector Zazou, seinerseits hauptberuflicher Hansdampf, bislang aufgefallen durch Kollaborationen mit Björk, John Cale, Suzanne Vega, Khaled und anderen. In seinen bizarren Mix aus orchestralen Sounds, Elektronik, Gitarre und Soundscapes eingebettet schimmert Sandy Dillons Stimme auch hier zwischen brüchigem Sentiment, kaputtem Humor und morbider Melancholie.

SOUNDTRACK OF OUR LIVES
Behind The Music

WARNER (CD)/STICKMAN/INDIGO (VINYL)

Schon das Debüt von Soundtrack Of Our Lives (SOOL), „Welcome To The Infant Freebase“ war ein alter Kumpel von Platte, vertraut zwar, aber immer wieder und nicht zuletzt deshalb immer für eine gute Zeit zu haben. Die dunkle Stimme von Ebbot Lundberg erinnerte an die von Jim Morrison, die Band spielte die Essenz aus drei bis vier Jahrzehnten harten Rock&Rolls, der mit Metal rein gar nichts am Hut hat, sprudelte über vor gut abgehangenen Songs, schönen Melodien und archaischen Riffs. „Behind The Music“, das neue Album, fügt sich nahtlos in das bisherige Schaffen ein, setzt aber mit einigen wunderschönen Balladen neue Akzente.

Noch mehr als sonst spielen SOOL mit archaischen Mellotronen, Streicher-Arrangements und anderen Instrumenten. Mit schwülstigem Siebziger-Progrock haben allerdings nach wie vor nichts zu tun. Sie wissen sich wohltuend klar auszudrücken, sei es in melancholischen Songs wie „Broken Imaginary Time“ oder dem exorbitanten Finale „Into the Next Sun“, sei es in sixtifizierten Rockern, die direkt auf die Vergangenheit einiger der SOOL-Mitglieder verweisen, die schließlich und immer noch Union Carbide Productions heißt.

COUCH

Profane

KITTY-YO/KOLLAPS/EFA

Mit Freuden erwartet: die neue Couch. Wieder scheint der Titel programmatisch zu sein, die Veränderungen anzudeuten, die Couch an ihrer Musik vorgenommen haben. Nach dem spröden Album „Etwas benutzen“ und dem fast poppigen „Fantasy“ ist „Profane“ weniger schwelgerisch, wirkt nüchterner und zurückhaltender mit seinen Reizen. Natürlich finden sich auch hier wieder viele schöne Stücke, man darf wohl trotz ihres Instrumental-Seins ‚Songs‘ dazu sagen, aber sie werfen sich einem nicht so einfach an den Hals wie die Hits von „Fantasy“. Sie sind, klarer, wirken – bildlich gesprochen – nüchterner.

Sehr nett übrigens, dass im Info steht, dass „Was alles hält“ „bestimmt der nächste Soundtrack zur Hypovereinsbankwerbung“ wird. Das wird dem Stück jedoch mit Sicherheit nichts anhaben können, weil nämlich echte Schönheit, wie wir wissen, stets von innen kommt. „Profan“ bedeutet „unheilig, nicht geweiht, weltlich“. Übertragen auf Musik fehlt hier alles Esoterische, alles Metaphysische. So könnte man das verstehen, ohne sich allzu weit aus dem Interpretationsfenster zu lehnen.

JUD: The Perfect Life (Nois-o-lution/Tis Warner) Jud warten hier mit vierzehn Stücken auf, die wieder düstere Vibes mit breitwandigen Gitarren unterfüttern, also eher die Vertiefung des bisher Erreichten als dessen Mutation in etwas Neues. Sehr schöne, fast klassische, schwere, treibende Rockmusik.

REIZIGER: My Favourite Everything (Sticksister/Indigo) Auch auf „My Favourite Everything“ (schon wieder so eine Anspielung auf Coltrane, wie schon bei ihrer letzten EP) geben sich Reiziger aus Belgien als Verwandte im Geist von The Lapse und Karate, letzteres allerdings immer weniger.

(alle Texte aus dem Bremer 04/2001)