Was macht eigentlich die? – Noch was aus dem Archiv


taz Bremen 11.4.2001

Kuba in Unterhosen

Deutsch, stark, ab nach Hause: Bei überraschend starkem Publikumsandrang im Rathaus las Castros Ex-Geliebte und Ex-US-Agentin Marita Lorenz aus ihrer (Auto)Biographie „Lieber Fidel“

Jetzt ist sie also mal wieder da gewesen, die ehemalige Geliebte von Fidel Castro. Und sie vermisst Bremen, und nun, nachdem sie also am Montag endlich den Nachweis in die Hände bekam, in Bremen geboren zu sein, steht einer Rückkehr wohl auch nichts mehr im Weg. Höchstens mit den mittlerweile fünf Hunden, diversen Katzen und einem toten, tiefgefrorenen Piranha, mit denen sie zusammen lebt, könnte es noch Zollprobleme geben.

Ihre Lebensbeichte hat sie gerade vorgelegt: „Lieber Fidel“, das Buch zum Film. Die Verwertungsmaschine läuft an. Bremen schmückt sich mit der bizarren Geschichte der schönen Kapitänstochter, die uns den Revolutionär in Unterhosen vorführt, respektive als schüchternen jungen Mann und so weiter. Väterlich in Empfang genommen wurde Lorenz von Bürgermeister Henning Scherf, der warme Worte fand und sich vom öffentlichen Interesse an der Vorstellung des Lorenz-Buchs in der oberen Rathaushalle ehrlich überrumpelt zeigte.

Der Gastgeber hatte mit 50 Gästen gerechnet, es kamen genug, um die obere Rathaushalle zu füllen. Das kalte Büffet, zu dem Verlag und Senat zusammengelegt hatten, war in fünf Minuten abgeräumt – in einem Gedrängel um ein paar belegte Brote, wie man es sich für gewöhnlich wohl eher auf Kuba vorstellt, wo ja wegen Sozialismus das Hungertuch die Gespenster des kalten Krieges nur notdürftig verhüllt, der dort bekanntlich immer noch nicht zu Ende ist. Der Sekt reichte eine Weile länger.

Restsympathien für das vom – Hand aufs Herz – immer noch ein bisschen imperialistischen Amerika gebeutelte Land, das ja; aber wie Wilfried Huismann noch 1976 nach Kuba zu fahren und den Sozialismus aufzubauen helfen, das dann lieber doch nicht mehr. Das Interesse an Kuba ist eher eines an Mythen und älteren Herren mit Bärten und Zigarren, die da irgendwo auf dem Hinterhof schöne Lieder singen.

Da kommt eine Figur wie Marita Lorenz gerade recht, die irgendwie allen mal eine lange Nase gezeigt hat. Andererseits ist sie aber auch eine tragische Heldin, die aus dem Fokus der Weltpolitik schließlich in den sozialen Brennpunkt Queens, New York City, abgerutscht ist, wo sie einen Haufen gescheiterter Existenzen als Nachbarn hat und nichtsdestotrotz mit ihrer spärlichen Sozialhilfe eine ganze Menagerie durchfüttert. Und dann ist sie auch noch eine bekennende Bremerin.

Einfach nur die liebenswerte ältere Dame ist sie möglicherweise zwar doch nicht. Zumindest schien Wilfried Huismann, Regisseur des Films „Lieber Fidel“ und auch Ghostwriter der gleichnamigen Lorenz-(Auto)Biographie, sowohl bei der vormittäglichen Pressekonferenz als auch am Abend Anzeichen eines gewissen Genervtseins aufzuweisen. Dennoch ist es für beide Seiten ein vorteilhaftes Unternehmen. So eine Geschichte muss man erstmal finden, was auch bedeutet, dass wiederum diese Geschichte und somit Marita Lorenz selbst erstmal gefunden werden musste. Deren Fall ging zwar schon Mitte der Neunziger in den USA durch die Presse und hätte fast einen Film von Oliver Stone nach sich gezogen. Hierzulande nahm man den spektakulären Fall erst durch Huismanns Film zur Kenntnis. Seit November läuft „Lieber Fidel“ ununterbrochen in zehn Kopien in deutschen Kinos.

Lorenz genoss es offenbar, im Mittelpunkt zu stehen und gab am Abend noch über eine Stunde lang Autogramme. Fotos von ihren Hunden soll sie dabei auch herumgezeigt haben, die Frau, die sie seinerzeit die „kalte Deutsche“ nannten, wie Lorenz nicht ohne Stolz berichtet. Eine Geheimdienstvergangenheit hat, je nach Auftraggeber, schon so manche Karriere ruiniert, aber hier ist es noch mal gut gegangen. Vielleicht, weil Lorenz nun wirklich keine Überzeugungstäterinnenschaft vorgeworfen werden kann. Deutschland hat sie jedenfalls nie vergessen, sagte sie auf der Pressekonferenz und zitierte ihren Vater, der zu ihr gesagt hatte: „Du bist deutsch, du bist stark, du musst nach Hause gehen!“ Manche Leute hören so etwas ja gern …