Vor zehn Jahren


MUMBLE & PEG

All My Waking Moments In A Jar

VACCINATION/NOIS-O-LUTION/WARNER

Wer die ersten beiden Alben von Mumble & Peg kennt, wird einigermaßen verblüfft zur Kenntnis nehmen, wie ihm im Opener „Resigned“ nicht nur laute, elektrisch verstärkte Gitarren um die Ohren gehauen werden, sondern auch noch ein herzliches: „Fuck all of you!“

In der Tat, es hat sich einiges verändert bei dem Trio um Singer/Songwriter Eric Carter. Natürlich gibt es nach wie vor die introspektiven Songs über Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind, oder darüber wie es ist, in einem Schneesturm zu stehen mit siebzehn Streichhölzern und einer Zigarette, während man darauf wartet, dass jetzt langsam die Drangsale des sogenannten Erwachsenenlebens über einen herein brechen. Geblieben ist die unterschwellige Irritation als Konstante, lyrisch wie musikalisch.

Verändert hat sich vor allem, dass Mumble & Peg mittlerweile offenbar als richtige Band funktionieren, weshalb jetzt auch Matt „The Big“ Lebofsky zwei Songs singen darf, nachdem er bereits seit dem Debüt „Wandering In Volumes“ von der Partie ist. Seine Songs klingen „britischer“, weniger nach amerikanischem Folk, der ansonsten immer noch die Grundlage ist, auf der Mumble & Peg musizieren, wenn auch auf diesem wunderschönen Album auch mal mit getretenem Distortion-Pedal.

BLACKMAIL

Bliss, Please

TIS/WSM

Blackmail, die vor zwei Jahren mit dem Album „Science Fiction“ der hiesigen Rock-Diaspora neue Hoffnung gaben, ist es tatsächlich gelungen, ihre Formel noch einmal zu verbessern. So dermaßen süffig, so elegant rockend, so unverschämt poppig klangen sie noch nie.

Aydo Abays melancholische Stimme legt sich geschmeidig über die schweren Riffs, flankiert von schwebenden Keyboard-Teppichen, die „Bliss, Please“ einen orchestralen Charakter verleihen. Ohne jemals profan zu werden, fläzen sich Blackmail nun ganz unbescheiden in den Mainstream des „Alternative Rock“, was ganz sicher auch das Verdienst der Produzenten Kurt Ebelhäuser, Blackmail-Gitarrist, und Guido Lucas ist, die ein ausgeprägtes Gespür für die Balance zwischen Sound und Struktur, für Theatralik und deren Erdung haben.

Und in Sachen Songwriting haben Blackmail mittlerweile eine geradezu klassische Qualität erreicht, die zwar ihre Schulung an den Beatles noch erahnen lässt, aber mehr dann eben auch nicht.

LOW

Things We Lost In The Fire

TUGBOAT RECORDS/EFA

Wahrscheinlich ist es nur ein Zufall, aber dass Low im wesentlichen aus einem verheirateten Paar bestehen, erinnert ebenso an die Cowboy Junkies, bei denen gleichfalls Eheleute federführend tätig sind, wie die Musik auf „Things We Lost In A Fire“, in all ihrer dunklen Schönheit, in ihrer Intimität, die die zerbrechlich erscheinenden Zeitlupensongs umgibt. In den meisten Ehen dürfte es doch ganz anders klingen.

Mimi Parker und Alan Sparhead haben mit ihrem Bassisten Zak Sally mittlerweile ihre eher experimentelle Phase hinter sich gelassen und benutzen ihren schleppenden SloMo-Sound jetzt als Grundlage für vollendetes Songwriting. Eine gewisse Schwere im Sinne von Heavyness ist geblieben, ein wenig so, wie sie einmal Codeine verbreiteten. „Things We Lost In The Fire“ ist aber gleichzeitig Pop, schwelgt in eklektizistischen Arrangements, wofür das Band-Instrumentarium mit Hilfe einer Reihe von Gästen um kammermusikalische Nuancen und gesamplete Sounds erweitert wurde. Vor dieser in ihrer aufwendigen Reduziertheit makellosen Kulisse erheben sich in matt strahlender Vollendung die Stimmen von Parker und Sparhead.

THE PERC

Jack Of All Trades

SIREENA RECORDS/FENN MUSIC

Ein „Jack Of All Trades“ ist die anglophone Entsprechung zum hiesigen Hansdampf in allen Gassen. Bei The Perc alias Tom Redecker handelt es sich ohne Zweifel um einen umtriebigen Menschen, weshalb der Titel seines zweiten Solo-Albums, des ersten seit über fünf Jahren passender kaum gewählt sein könnte. Bei aller Umtriebigkeit hat er sich allerdings musikalisch stets die Treue gehalten. Sein Herz schlägt für geradezu klassische Songs, die zwar in unterschiedlichen Gewändern zwischen Folk und Rock daher kommen, aber nicht nur durch seine prägnante, tiefe Stimme stets als die seinen erkennbar bleiben.

Damit ist er einer der wenigen Überlebenden, die auch heute noch mit ihrer Gitarre in der Hand durch die Lande ziehen und sich auf alles einen Reim machen. Dass der mittlerweile auch mal in deutscher Sprache stattfinden darf, ist wohl eher neu bei The Perc. Im „Riddle Song“ berichtet er Intimes aus seiner Vergangenheit: „Als ich noch ein kleiner Junge war zuhaus, da machte meine Mutter das Licht stets pünktlich aus.“

Erzähl uns noch eine Geschichte, Tom…

MOTORPSYCHO: Barracuda (Stickman/Indigo) Der Spaß am Schweine-Rock führte Motorpsycho in einen stilistischen Zwiespalt, den sie überwanden, in dem sie vor einem Jahr mit „Let Them Eat Cake“ ein opulent-poppiges Meisterwerk veröffentlichten und nun die zur gleichen Zeit aufgenommenen Rock-Brocken als Zwischenmahlzeit nachliefern. Natürlich spielen Motorpsycho auch hier souverän mit den Werkzeugen der Zunft.

NASH KATO: Debutante (B Track Europe) Die Stimme von Urge Overkill, vor allem durch ihre Interpretation des Neil Diamond-Songs „Girl, You’ll Be Woman Soon“ bekannt, gibt nach langer Pause wieder etwas von sich. Befreit von dem Druck, Erwartungen gerecht zu werden, wie sie einst an Urge Overkill gestellt wurden, ist „Debutante“ ein ausgesprochen erwachsenes Werk, geprägt von Katos Vorliebe für Cheap Trick.

 

aus dem BREMER 03/2001

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