Vor fünf Jahren


schrieb ich in der taz Bremen (25.2.2006) über einen Mann, dessen Werk ich hernach sehr zu schätzen lernte:

Kurzkritik: Brad Mehldau Trio in der Glocke

Aristo-Jazz

Bevor er spielt, tupft Brad Mehldau sich erstmal die Hände ab. Auch später wischt er sich nicht etwa zwischendurch Schweißtropfen von der Stirn. Im Olymp wird nicht geschwitzt. Kerzengerade auf seiner Bank thronend setzt er nach einem Intro von Kontrabassist Larry Grenadier die Finger auf die Tasten. Grenadiers Eingangssolo bleibt eigentlich auch das einzige. Er ist der stille Begleiter, der die Band zusammenhält, während Mehldau und Ballard ihre Kunst ausüben. Mehldau geradezu aristokratisch: Elegant perlt sein Spiel, verrät die Beschäftigung nicht nur mit der Geschichte des Jazz, sondern auch dem Impressionismus, das Programm legt zudem einen Fokus auf Mehldaus Pop-Neigung mit Songs von Nick Drake, Lennon/McCartney und Paul Simon.

Schlagzeuger Jeff Ballard ist der Laute im Trio. Er nimmt sich die Freiheit, auch eher neuere Techniken zu verwenden, schabt mit den Sticks auf den Becken, schlägt die Kessel seiner Trommeln, macht den Eindruck, er sei der einzige in der Band, der auch mal ein Bier trinkt wie unsereins. Mit viel Einfallsreichtum und Temperament treibt er an, feinziseliert und filigran, aber auch treibend – und er ist der einzige im Bunde, der es mittendrin krachen lässt. Viermal müssen sie wiederkommen, aber auch darüber gerät Mehldau keineswegs in Ekstase, bleibt höflich und verbindlich. Natürlich macht er seine wenigen Ansagen in beachtlichem Deutsch. Der weiß, was sich gehört.