Vor zehn Jahren…


hatte ich das Vergnügen, ein Konzert der Allscars ankündigen zu dürfen. An die musste ich dieses Jahr denken, als ich einen von denen in der Downtown Music Gallery traf.

Musikalische Innovation, politischer Impetus

Freie Improvisation für eine bessere Welt mit den Allscars

Es gibt – mindestens – zwei Sorten von Punks. Der einen Geschmack hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten um kein Jota verändert, was so schöne und angenehme Dinge wie Musik, kalte Getränke und T-Shirts angeht. Der anderen Vorlieben sind stetem Wandel unterworfen, den vorwärtsdrängenden bis ikonoklastischen Anspruch ihrer Kunstform bewahrend, wie beispielsweise „The Ex“, die in den vergangenen Jahren nicht nur in besetzten Häusern, sondern ebenso auf dem Jazz-Festival in Moers gesichtet wurden. Die „Allscars“ kommen aus der Washingtoner Hardcore-Szene im Gefolge von Bands wie „Minor Threat“, „Rites Of Spring“ und „Fugazi“, die in den Achtzigern dem siechen Punkrock einen heilsamen Schock versetzten. Mit Hardcore im klassischen Sinne haben die Allscars aber nichts mehr zu tun. Zwar spielen auf dem Allscars-Album „Introduction To Humanity“ auch James Canty, Schlagzeuger von Fugazi, sowie dessen Bruder James (ansonsten bei „The Make Up“) mit; nach dem verschachtelten Post-Hardcore-Hardcore der einen klingt das ebensowenig, wie nach dem spröde funkigen Sound der anderen. Gibt es Punkrock, wird er schon im nächsten Takt wieder auseinander genommen, löst sich in seine Bestandteile auf, ist Grundlage für ganz anderes. Die Allscars dürften zumindest der eingangs erwähnten Punker-Fraktion Angstschweiß und/oder Zornesröte ins Antlitz treiben, Kommentare auf ein – bitteschön – baldigst zu erfolgendes Ende des Soundchecks inbegriffen. Dug Birdzell, Chuck Bettis und Jerry Busher haben sich gegen die ordnende Hand des Viervierteltakts, das beklemmende Korsett der Liedform und den roten Faden der vielzitierten drei Akkorde entschieden. Nicht einfach so, vielmehr mit einem Programm, das die wie beschrieben gewonnene musikalische Freiheit als Entsprechung zu einem politischen Programm hernimmt, die musikalische Unberechenbarkeit der freien Improvisation als Äquivalent zu einem deutlich anarchistischen Credo erhebt, im Booklet ihres Albums in dem Aufruf gipfelnd: „Lass nicht andere diktieren, wie du leben solltest.“

Die Verbindung aus musikalischer Innovation und politischem Impetus gibt sich zwar immer noch ganz optimistisch der Illusion hin, dass uns die richtige Musik schon irgendwie einer besseren Welt entgegenführt, was bislang noch keine Wirkungstheorie hat erklären können, aber das soll uns mal alles im nächsten Monat Patrick Wagner von „Surrogat“ erklären, der mit seiner Band gleichfalls die Welt verändern will. Mit ganz anderen musikalischen Mitteln. Der Auftritt der Allscars dürfte für Freunde freier Rockmusik derweil ein Highlight sein. Und wer sich an bekannten Namen delektiert: Die drei Kern-Allscars werden auf ihrer Tour von James Canty, dem Make Up-Keyboarder begleitet, und so wie hier habt ihr den garantiert noch nicht spielen gehört.

Zum Anwärmen spielen zuvor zwei Bands aus dem Bremer Untergrund, nämlich „Latah“ und „Kauz“, beide sind neu und musikalisch aufgeschlossen, soviel dürfen hier schon sagen. (Mehr wissen wir eigentlich auch gar nicht…)

aus der taz bremen, November 2000

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s