Scheiß-Konjunktiv – Von einer Diskussion im Irrealis (aus ZETT Juni 2005)


Ein komisches Konzept ist es, einfach so über Utopien reden zu wollen. Gewissermaßen die Abstraktion der Abstraktion. Utopie ist sowieso, was nicht ist, abstrahiert also von der Realität. Und dann soll man auch noch vom Inhalt dieser Abstraktion abstrahieren: Warum denkt man über etwas nach, was nicht existiert, aber als Vorstellung attraktiv ist? Klar, weil das was ist, nicht zu befriedigen vermag.

Utopie – wofür eigentlich?

Da kann man sich dann einiges zusammenspinnen. Das kann gewiss auch nett sein. Der Lottogewinn – was könnte man damit anstellen?! Oder das Schlaraffenland. Wenn ich darüber nachdenke, könnte die Wunschvorstellung für manchen Menschen glattweg ein Porno sein: Alles, was ein Mann braucht. Also ist zu trennen: die Phantasie getrennt von ihrer Umsetzbarkeit einerseits von der Vorstellung einer angenehmeren Gesellschaft andererseits, die von materiellen Voraussetzungen ausgeht und gar nicht getrennt von der Umsetzbarkeit gedacht ist. Man kommt – nimmt man die Sache ernst – in deren Fall nicht umhin, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Kritik am Gegenwärtigen lautet, was also die Gründe der Unzufriedenheit sind. Hat man das geklärt, kommt die Frage, wie jene zu beseitigen wären. Ganz profan eigentlich. Derlei gesellschaftliche Konzepte gab und gibt es bekanntlich mannigfaltig. Es standen in der Vergangenheit auf der Agenda nebst anderen ein Tausendjähriges Reich, national befreite Zonen, ein endlich befreiter Markt oder das Himmelreich genau so wie Anarchie oder Kommunismus – alles zunächst Utopien, die tatkräftig ins Werk gesetzt werden sollten. Und wie das im Leben so ist, fängt spätestens da der Streit an: Wenn jemand seine Zwecke und Interessen ernst nimmt und nicht nur als hübsche Gedanken spazieren führt.

Der Ärger beginnt…

Die schönsten Kriege entbrannten darüber. Gewonnen haben meist die mit der höchsten Gewaltpotenz. Dass es an den Inhalten gelegen habe, wird von den Siegern hernach auch noch behauptet. Besonders in einer Gesellschaft des Wettbewerbs lautet die Ideologie: Qualität setzt sich durch. Woraus gefolgert wird: Was sich durchsetzt, muss einfach besser sein. Das glauben sogar noch die Verlierer und stempeln sich zu Versagern. Und weil das, was alle Welt als Kommunismus missverstehen wollte, den Kalten Krieg verloren hat, schämte sich eine Linke in Grund und Boden und schwor ab, wem nur abzuschwören war. Das Dumme daran war vor allem, dass sich damit das Kritisierte keineswegs erledigt hatte. Leute, die heute noch behaupten, es sei vor allem der Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit ein schädliches Verhältnis, werden dennoch als Ewiggestrige geschmäht. Aber keine Bange: So ernst ist das für gewöhnlich gar nicht gemeint, wenn die „Öffentlichkeit“ auf einmal die Utopie wiederentdeckt. Ernst gemacht wird nur, wenn und wo es den herrschaftlichen Zwecken in den Kram passt. Beispiel? Wenn irgendwo auf der Welt (es muss ja nicht gleich in Köln sein) ein Völkchen einen Gottesstaat aufziehen möchte, sind sofort die üblichen Verdächtigen vor Ort und versalzen den Schurken die Suppe. Wenn in der Karibik jemand meint, zur nationalen Wohlfahrt gehöre es, den Leuten das Lesen und Schreiben beizubiegen und nebenher auch noch dem kleinen Mann eine kostenlose Gesundheitvorsorge angedeihen zu lassen, ist das garantiert ein totalitärer Diktator, der abserviert gehört. An dem neuen Europa hingegen wird so tatkräftig gewerkelt wie an der neuen Weltordnung. Komisch?

… und währt fort

Hatten Slime etwa doch Recht, als sie sangen: „Wer die Macht hat, hat das Sagen“? Auch wenn sie es im Brustton der Überzeugung sangen, dass dem, bittschön, nicht so zu sein habe… Es hat unschöne Konsequenzen, denkt man das bis zum bitteren Ende durch. Deswegen ist es auch keine reine Freude, mit anderen ganz lässig über gesellschaftliche Utopien zu reden, wenn man doch der Ansicht ist, es müsse etwas anderes her. Zum Beispiel, dass es nicht abhängig ist von der Kalkulation eines Unternehmens, ob tausende armer Schweine überhaupt ein Einkommen haben. Dass Nahrungsmittel schlicht produziert werden, weil sie jemand essen will, und nicht nur dann, wenn sich Reichtum damit vermehren lässt. Warum nicht produzieren, was gebraucht wird? Anstatt zu schauen, ob sich zahlungskräftige Nachfrage findet (andernfalls wird das Zeug eben vernichtet – nicht verschenkt). Solche „Utopien“ passen nicht in eine Gesellschaftsform, in der das Allgemeinwohl in einem soliden Wirtschaftswachstum besteht.

Seid zur Mitarbeit bereit!

Lieber soll sich Herr Bürger und Frau Bürgerin konstruktiv Gedanken machen, wie man das bestehende Gemeinwesen verbessern könnte. Und es dann anderen überlassen, lediglich dem eigenen Gewissen verpflichtet, zu tun, was die Staatsräson gebietet. Alles andere bleibt: „hätte, könnte, sollte, müsste“. Ein Leben im Konjunktiv. So wird die ganz unschuldige grammatische Erscheinung des Irrealis zu einem Ärgernis. Vor allem aber die in ihr geführte Debatte.