Was macht eigentlich…


Meira Asher?

(für taz bremen, 1999)

Das Desaster als Konstante menschlichen Verhaltens

Meira Asher und ihre exorzistische Oper

Seit September letzten Jahres lebt Meira Asher im Prenzlauer Berg in Berlin. Von hier aus bringt sie ihre Show auf europäische Bühnen. Als ich sie in einem Café in ihrem Kiez treffe, ist sie gerade zurück von einer Tournee in Italien. Seit sie achtzehn Jahre alt ist, zieht sie durch die Welt, studierte afrikanische Musik und Tanz in Ghana und Elfenbeinküste, klassischen Gesang in Indien, lebte in London, den USA und jetzt eben in Deutschland.

„Aufgewachsen bin ich in Israel, aber nachdem ich Achtzehn wurde, lebte ich sehr lange Zeit nicht mehr dort. Ich fand heraus, daß du nicht länger als zwei Jahre am Stück in Israel leben kann. Du drehst durch. Es ist ein sehr gewalttätiger Ort. Die Situation ist immer angespannt, Bomben, Krieg. Die Leute sind nervös.“

Davon handelt auch ihre neue Platte, „Spears Into Hooks“ (Crammed Discs/EFA). Der Titel spielt auf ein Bibelzitat an, nach dem nicht nur die bekannten Schwerter zu Pflugscharen, sondern auch Speere zu Rebmessern gemacht werden sollen. Bei Meira Asher werden diese Speere zu Haken, an denen die Menschen in den Schlachthöfen hängen.

„Das Album handelt davon, Opfer einer gewalttätigen Realität zu sein, wozu ich mich als Israelitin berechtigt fühle. Und es geht auch um den israelisch-palästinensischen Konflikt, aber eher mit einer globalen Attitüde.“

Mitgedacht ist dabei auch jeder andere Konflikt, der sich aus nationalen Befreiungskämpfen entspinnt, Ashers Ansicht nach eine Konstante menschlichen Verhaltens.

„Ich denke, es läßt sich nicht vermeiden. Es geht immer darum, sich zu verbinden und abzugrenzen. Die Menschen brauchen das. Natürlich kommt es dadurch zu desaströsen Handlungen, aber am Ende eines solchen Desasters gibt es eine Art Separation, die Individualität bringt. Es ist ein Zirkel und es ist ganz natürlich.“

Was eine wenig optimistische Einschätzung ist, erklärt sie gleichzeitig zum Ansatzpunkt ihres Schaffens.

„Ich tendiere zu glauben, wenn du es als natürliches Phänomen menschlichen Verhaltens siehst, kannst du es vielleicht leichter akzeptieren und leichter damit arbeiten. Ich denke es geht darum, die richtige Spannung zwischen Freude und Schmerz zu erhalten. Es ist eine sehr mechanische Sache. Es gibt eine Routine menschlichen Verhaltens. Was nun passieren muß ist, daß wir die Balance dieser Routine erhalten, damit die Dinge nicht im Desaster enden.“

Ihre Kunst soll den Schrecken vorführen, der die Konsequenz der verlorenen Balance ist, soll gleich einem Exorzismus oder einer Katharsis ein Bewußtsein davon erzeugen. Ihre Mittel sind drastisch. Schroffe elektronische Sounds, Samples, bisweilen auch eine brachiale Schlagzeug- und Bassbegleitung, kontrastiert von einem mazedonischen Orchester oder einem Zitat aus den ‚Sphärenklängen‘ von Johann Strauss. Avantgarde und Industrial, Folklore und Krach. Tod und Vernichtung, eine dunkle Stimme zwischen Rezitation, Agitation und Agonie. Eine Stimme. die auch weich klingen kann, aber dies auf ihrem neuen Album eigentlich nur einmal tut. In ‚Weekend Away Break‘, in dessen Refrain es heißt: „Birkenau, Birkenau, Birkenau, rolls off my tongue like a poem now“. Eine beunruhigende Platte.

„Mein Ziel ist es, Leute dazu zu bringen, sich zu konzentrieren. Und um das zu provozieren, muß man übertreiben, um ihnen zu sagen: Hey, konzentriert euch und wählt zwischen Rechts und Links, Schwarz und Weiß! Die allererste Stufe der Entscheidungsfindung. Willst du gehen, oder willst du bleiben?“

‚Spears Into Hooks‘ entstand zum größeren Teil in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana.

„Ich ziehe es immer vor, an Orten zu arbeiten, die ich nicht kenne. Und in Ljubljana hatte ich viel bessere Bedingungen als in London, wo ich lebte. Ein nettes Studio mit einem neuen Digitalsystem und eine Menge Aufmerksamkeit von einer Menge Leute. Und es ist die Hauptstadt von Slowenien, was wiederum ein Teil von Jugoslawien war. Und es gibt dort schon lange eine starke Industrial-Szene und Body-Art und all solche Sachen. Es ist wirklich erfrischend, in eine solche Stadt zu kommen. Wenn du abends mit dem Auto von einem Ort zum anderen fährst, siehst auf dem Auto vor dir einen Sticker von der Band DNA, und im Radio läuft um sieben Uhr abends beispielsweise etwas von ‚Faust‘. Ich fragte mich: Was geht hier vor sich? Das slowenische Studentenradio (‚Radio Student‘) war das erste in ganz Europa, soweit ich weiß. Die Band ‚Laibach‘ ist auch dort ansässig. Und ich mag ihre Sachen sehr gern.“

Für die Bühne hat Meira Asher das Album noch einmal überarbeitet.

„Es ist fast eine Solo-Performance. Ich arbeite mit Daniel Baruch aus Israel, der gerade in Berlin ist. Er ist ein exzellenter Soundmann, und wir arbeiten schon lange zusammen. Ich bot ihm an, mit mir auf der Bühne zu performen. Es ist ziemlich interessant, diesen Sound auf der Bühne zu machen. Er manipuliert den Sound viel interaktiver, als wir es gewohnt sind. Die Sounds sind schärfer. ‚Birkenau‘ wurde auch neu aufgenommen. Und dann gibt es zwei neue Stücke, die ich integrieren mußte, um eine Show daraus zu machen. Eine Show ist kein Album. Es ist eine andere Geschichte, also mußt du es neu zusammensetzen oder etwas anderes komponieren, um eine Oper daraus zu machen.“

Was sie tue, wenn sie mit diesem Projekt fertig sei, frage ich sie.

„Das nächste Album aufnehmen.“

In Deutschland?

„Ich fühle mich, ehrlich gesagt, nicht so.“

Ob sie das Reisen bevorzuge?

„Nein. Bevor ich Israel verließ, wohnte ich dort sieben Jahre. Natürlich reiste ich immer, aber nur kurz. Und jetzt, wo ich nicht mehr dorthin zurückmöchte, muß ich wirklich ernsthaft darüber nachdenken, wo ich leben will.“

In Israel hat sie sich vor allem mit ihren beiden Alben nicht eben viele Freunde geschaffen.

„Das israelische Establishment und die Kulturbehörden sind sehr limitiert und die alternative Szene ist sehr klein. Da passiert fast nichts. Ich bin recht bekannt in Israel, aufgrund dessen, was ich bin, und ich war auf unterschiedlichen Ebenen aktiv. Ich bin für meine indische Periode und meine afrikanische Periode bekannt (lacht), aber mit meinen neuen Sachen kann ich dort nicht auftreten. Die meisten werden das Risiko nicht auf sich nehmen, mich zu buchen, und an das zu glauben, was ich tue.“

Aber auch in Europa ist es für Asher nicht unbedingt einfach, ihre Arbeit zu tun. In momentaner Ermangelung einer Agentur, bucht sie ihre Auftritte selbst, was sie in die merkwürdige Lage versetzt, ihre eigene Arbeit anpreisen zu müssen.

„Genau: ‚Ich bin Künstler, und ich bin sehr gut, und meine Show ist sehr wichtig'“, lacht sie.

Den Mangel an Unterstützung durch offizielle Stellen in Israel nimmt sie eher schulterzuckend zur Kenntnis.

„Im Moment ist da eine Mauer. Wir werden sehen, was nach den Wahlen passiert. Die letzten Wahlen waren so schockierend, als Netanjahu an die Regierung kam. Es war ein Schock für die Linke in Israel. Vielleicht werde ich wählen. Ich hoffe jedenfalls, daß sich etwas ändert.“

Während wir uns unterhalten, hat die Bedienung die ‚Leningrad‘-Symphonie von Shostakovitch angemacht. Es ist der 8. Mai, Tag der Befreiung. Die Wahl ist erst in ein paar Wochen, und die Frau, die trotz ihres fatalistischen Urteils über die Menschen und ihr Verhalten sagt, man müsse positiv bei dem sein, was man tue, versucht, den ungemütlichen Verhältnissen konstruktiv zu begegnen.

„Es macht keinen Sinn, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen.“