Japanisches Rollkommando (aus taz bremen, 13.10.2005)


Du hattest keine Chance: Melt Banana überrollten ihr Publikum am Dienstag im Römer einfach. Es war weniger die Lautstärke als vielmehr pure Konzentration. In der Musik der vier Japaner findet sich die (fast) komplette Geschichte abseitiger Popularmusik. Auf der Basis von Grindcore (die schnellste Form des Rock’n’Roll) werden Boogie, Breakbeat, Techno, Rock und reiner Krach verschmolzen. Kein Geschrei, dafür durchdringender, extrem rhythmisierter Mickey-Mouse-Sprechgesang und ein maskierter irrsinniger Gitarrist, der aus seiner Gitarre das ganze Spektrum zwischen Hawkwind, Elmore James und Captain Future abrufen kann. Bass und Schlagzeug stellen dazu das maschinenhaft präzise bretternde Fundament. Nach einem Rundgang durchs Repertoire, zur Mitte hin zugespitzt in einem in wenigen Minuten heruntergebratzten Set aus elf, teils nur wenige Sekunden langen Stücken, folgt die einzige Fremdkomposition des Abends. „Uncontrollable Urge“ von der amerikanischen Wave-Band Devo. In der Vergangenheit spielten Melt Banana an dieser Stelle auch schon mal „Good Vibrations“ von den Beach Boys. Als ob sie die Klischees über Japans bunte Hightech-Niedlichkeit durch Überaffirmation blamieren wollten. Eine derartig radikale Musik mit Pop aufzuladen ist der Trick, der Melt Banana so einzigartig macht. Überwältigend.

Melt Banana – „Cell-Scape“ (aus Intro # 109)


Die schnellste Popband der Welt wird langsam langsamer. Dabei sind Melt Banana auf ihrem mittlerweile fünften Album immer noch rasend schnell – allerdings bei weitem nicht mehr so oft. Der Trend zur Ausdifferenzierung – mehr Melodie, verstärkte Einbeziehung elektronischer Verfremdung, ein breiteres Spektrum von Tempi -, der schon auf dem letzten Album „Teeny Shiny“ für das willkommene Update des Bandsounds sorgte, wird hier beherzt potenziert. Da darf dann auch mal ein kruder Swing einsetzen, und Yakos Vokalstaccati werden bisweilen in Melodiebögen aufgelöst. Die verschiedenen Stränge ihrer Musik führen Melt Banana hier oft „zellförmig“, separat vor: Track eins: elektronisches Entrée, Track zwei: ein mit vehementer Slide-Gitarre verbrämter Groove, Rock, ein synkopenreicher Pop-Chorus, Track drei: elegantes Midtempo-Geprügel, Track fünf: rasender Thrash und so weiter. Track zehn: Das Ende des Albums verliert sich im Raum, Strukturen aufgelöst, ein enigmatisches Finale ohne Katharsis. Und zwischen allem: Immer wieder fiese Schlieren aus der elektronisch behandelten Gitarre. Wollten wir ausgerechnet von dieser Band ein vielseitiges Album hören? Sicher ist: Melt Banana lehnen sich verdammt weit hinaus, weiter als je zuvor. Ein Experiment also. Und bis auf ein paar Stellen, wo sich Yako etwas übernimmt („If It Is The Deep Sea, I Can See You There“) oder die neuen Elemente noch etwas ungelenk klingen (wie der oben erwähnte Swing in „Like A White Bat In A Box, Dead Matters Go On“), ist „Cell-Scape“ wieder so geil überfallartig, wie wir es von Melt Banana lieben. Im Herbst werden sie wieder in unseren Breiten auf Tour sein. Am Schlagzeug wird wieder Trommelkönig David Witte sitzen. Das sollten Sie auf keinen Fall verpassen.
(A-Zap Records)