Dr. Blohms Gespür für Kaffee (Zett, 2002)


Die Legende sagt, der Eskimo kenne 37 Wörter für Schnee. Abgesehen davon, dass ich auch ein paar kenne, von denen gewiss noch kein Eskimo etwas gehört haben wird, möchte ich darauf hinweisen, dass das noch gar nichts ist. Der Wiener kennt mindestens 38 verschiedene Vokabeln für Kaffee. Die Melange – von der es aber schon allein mehrere Sorten gibt, wie die Wiener Melange und die Kaisermelange -, der Einspänner und der Verlängerte oder Gestreckte sind vielleicht die bekanntesten. Ein kleiner Schwarzer, ein kleiner Brauner, eine Schale Gold, ein Maria Theresianer, Wiener Eiskaffee, Kapuziner, Pharisäer und was nicht noch gibt es außerdem, wobei zu betonen ist, dass der kleine Schwarze natürlich auch als Espresso oder Mokka ebenso wie als Türkischer oder Nussschwarzer bestellt werden kann, ohne dass die Service-Kraft dabei in Schwierigkeiten geriete, selbst wenn sie vielleicht in manchen Bezirken etwas pikiert dreinschauen mag. Auch einen Capuccino bekommt der Gast auf Wunsch serviert, ohne dass das Servierte mit einem Kapuziner identisch wäre. Einen Franziskaner, einen Meisterkaffee, einen Mazagran, einen Dunklen, einen Kaffee verkehrt, einen Gespritzten und eine Portion Kaffee kann der Wiener obendrein noch als eigenständige Versionen auseinander halten. Das sind zwar noch keine 38 Vokabeln, aber addiert man die insgesamt acht Melange-Varianten – mit Schlag, passiert, mit Haut, mit Haut und mit Schlag, ohne Haut und mit Schlag, ohne Haut und ohne Schlag etc. -, die es zumindest in besseren Zeiten gegeben hat, und Subspezies wie Doppelmokka und andere Bezeichnungen für verschiedene Darreichungsgrößen, ist man schnell nicht nur bereits vom bloßen Lesen stark infarktgefährdet, sondern auch bei über 38 Versionen. Zweifelsohne ein völlig nutzfreies Wissen, wohnt man nicht in Wien, aber dort… Im halbzivilisierten Norden Deutschlands darf man indes schon froh sein, findet man ein Etablissement, in dem sie einen vernünftigen Capuccino servieren, ohne Sahne, dafür mit Milch und auf Grundlage italienischen Espressos zubereitet. Das in Wien obligate Glas Wasser zum Kaffee wagt man kaum zu erwarten. Lieber sollte sich der Bewohner Bremens mit den rund 88 Bezeichnungen für Regen vertraut machen, von denen im vierten Band der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Trilogie des zu früh verschiedenen Douglas Adams die Rede ist. Denn: Was wir begreifen wollen, davon müssen wir einen Begriff haben. Um von diesem Begriff sprechen zu können, muss dieser Begriff einen Namen haben. Ich frage Sie: Wäre es da nicht viel einfacher, sich einfach vom Regen gar keinen Begriff zu machen? Wieviel Ärger ersparte man sich? In der vakant gewordenen Zeit ließe sich womöglich an dem Angebot von Kaffespezialitäten tätig wirken. Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht vermittels der Umgestaltung von Sprache auch die zugrundeliegenden Verhältnisse auf den Kopf stellen können! Her(r)zlichst, Ihr Dr. Blohm

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