Carl Kihlstedt: Keine Hierarchien (Trust #128)


Eigentlich wollte ich Carla Kihlstedt treffen, als ich im September für drei Wochen in der Bay Area war, um über das anstehende Music Unlimited zu reden, etwas zu erfahren über die besonderen und allgemeinen Umstände des Musikerlebens in San Francisco, über die Vereinbarkeit „esoterischer“ Free-Improv-Welten mit Prog-Rock, den auch Metaller gutfinden können, über Willie Nelson und Van Halen – was aber nicht ging, weil sie just am Tag meiner Ankunft für genau die Zeit verreiste, die ich blieb. Weshalb wir uns später telefonisch unterhielten, Carla Kihlstedt zwischen einem Berg von Projekten, teils mit dem Festival verbunden, dass sie letztes Jahr kuratierte, teils mit neuen Alben, die die produktive Violinistin und Sängerin aufgenommen hatte. Mir begegnete sie zuerst bei Tin Hat Trio, ein Folk-Klez-Jazz-Kammermusikensemble, mittlerweile nur noch Tin Hat, außerdem spielte sie in früheren Inkarnationen von Charming Hostess (wieder die Vaccination-Connection) und gründete Sleepytime Gorilla Museum mit. Außerdem betreibt sie die Band 2 Foot Yard, Book Of Knots und spielt mit der Creme der Avantgarde. So war sie bei der Einspielung von „Electric Ascension“ involviert, erst kürzlich erschien ein Album mit Improvisationen, die sie mit der japanischen Pianistin Satoko Fujii einspielte. Eine unglaubliche Musikerin, soviel steht fest. Womit bist du gerade beschäftigt?

Carla Kihlstedt: Willst du das wirklich wissen? Ich versuche viel Geld aufzutreiben, schreibe Anträge für ein Projekt und ich arbeite an den letzten Grafiksachen für die neue 2-Foot-Yard-Platte, die morgen früh ins Presswerk muss, und ich versuche alles für die Sleepytime-Tour zusammenzubekommen und noch eine Million anderer Dinge, die ich zeitgleich tun muss.

Ihr geht also auf eine komplette Tournee mit Sleepytime.

Alles ist schon nach Europa verschifft.

Ihr scheint eine Menge Dinge zu brauchen für eure Konzerte.

Wir haben viele selbstgebaute Instrumente, so dass die Clubs sie uns nicht zur Verfügung stellen können.

Ich warte schon so lange darauf, euch zu sehen.

Wir haben es ein parmal versucht. Jetzt kommen wir zum zweiten Mal, und es ist finanziell kaum machbar, vielleicht kommen wir plus minus Null raus, was fantastisch wäre, aber wir werden nicht mit Geld herauskommen. Es ist ein bisschen unhandlich. Ich wünschte, wir könnten einfach unsere Instrumente auf den Rücken packen und uns ins Flugzeug setzen, um rüberzukommen. Aber bei uns muss alles etwas schwieriger sein.

Reden wir über das Unlimited. Ich war in den letzten Jahren dabei, du hast dort auch gespielt. Deswegen haben sie dich wahrscheinlich eingeladen.

Ich denke ja. Ich war drei Jahre in Folge da, und ich war dort mit sehr unterschiedlichen Projekten. Ich war dort mit 2 Foot Yard und Tin Hat, habe mit Fred Frith improvisiert und mit Satoko Fujii, was eine andere Art zu improvisieren ist. Ich habe die „Kafka-Songs“ (von Lisa Bielawa) gemacht. Ich denke, weil ich meine Finger in sehr unterschiedlichen Arten von Musik habe, dachten sie, dass das gut wäre…

Auf deiner Homepage ist ein Zitat von dir: „Musik ist ein wirklich sicherer und spaßiger Ort, um alle Möglichkeiten emotionaler Extreme zu erforschen, sowohl für mich als Performerin, als auch für das Publikum. Musik ist ein Medium, wo du tatsächlich nach dem Song fühlst, dass du auf eine Art kleine Reise gegangen bist. Es ist ein Ort, wo Menschen die Extreme von Emotionen erforschen könne, die in manch anderem Medium vielleicht gefährlicher sind.“ Wenn man so ein Festival kuratiert… Das Music Unlimited ist ja schon eine Art Jazz-Festival…

Eine Art, aber ich denke, das Tolle an diesem Festival im Unterschied zu anderen Jazz-Festivals in Europa ist, dass sie es „Music Unlimited“ nennen und es wirklich meinen. Es hat keine ästhetischen Leitlinien hinsichtlich dessen, was sie angemessen finden oder was sie ihrem Publikum zumuten. Als Teil des Publikums habe ich Dinge gesehen, die völlig sanft und melodisch waren und ich habe absoluten Krach gehört. Und ich habe alles dazwischen gesehen. Und es scheint, dass sie ein Publikum entwickelt haben, das bereit ist, in all diese Extreme zu gehen und bereit für die unterschiedlichsten Sachen ist. Das sagte Wolfgang als wir anfingen, uns darüber zu unterhalten. Er sagte, wir versuchen wirklich, kein Jazz-Festival oder nur ein Improvisationsfestival zu sein – sie wollen nicht einsortiert werden. Deswegen haben sie ein wirklich interessantes Publikum entwickelt, das genau deswegen nach Wels kommt, nicht, weil es eine bestimmte Sache sehen will. Und ich denke, das trifft auf viele Jazz-Festivals nicht zu.

Ich stimme dir da zu und denke auch, dass die interessantesten Dinge im Jazz außerhalb des Jazz stattfinden.

Ich sollte eine Art Essay einschicken für das Programmheft. Und einer der zentralen Punkte ist, dass diese Begriffe dir nicht helfen, Musik zu hören. Sie helfen nur, Musik zu verkaufen. Sie helfen dir nicht als echtem, gegenwärtigem Hörer. Und Musik hat mehr mit Hören zu tun als mit Bezeichnung.

Deine Künstlerauswahl hat einen starken Fokus auf der Bay Area…

Das kam einfach so. Ich hätte auch gern ein Festival gehabt, das nicht so sehr amerikanisch ist, aber es ist schwierig, weil man damit beginnen muss, was einem am nächsten ist. Es ist viel hin und her, weil viele Leute, die ich gern eingeladen hätte und die nicht Amerikaner sind, keine Zeit hatten. Es ist also eine Mischung aus meiner Wunschliste und Logistik. Jetzt ist es schon stark auf die Bay Area konzentriert, weil meine Verbindungen hier so stark sind.

Ich bin ja sehr froh darüber, weil ich auf diese Weise endlich Sleepytime Gorilla Museum, Faun Fables und die Molecules, die sich vor zehn Jahren aufgelöst haben, zu sehen bekomme.

Genau, ich wollte auch Leute einladen, die normalerweise nicht in so einem Kontext spielen. Weniger offensichtliche Musiker, denen ich die Gelegenheit geben wollte. Es war wirklich hart, ein Dreitagefestival zu buchen. Es wäre viel einfacher gewesen, einen Monat zu buchen. Drei Tage sind wirklich nicht viel. Deswegen musste ich ein paar Entscheidungen treffen, die für mich unbequem waren.

Ich denke, dass die Szene in der Bay Area eine Herangehensweise teilt, die sich von Chicago, New York oder Berlin unterscheidet – so wie diese Szenen ihre Eigenheiten entwickelt haben.

Ich denke nicht, aber ich weiß nicht genau, was du meinst. Wenn ich vergleiche, wie Faun Fables, Ben Goldberg, Larry Ochs und Sleepytime Gorilla Museum komponieren und spielen, dann sind das völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Ich sehe nicht wirklich einen einheitlichen Ansatz im Programm. Dann ist da Wu Fei, eine chinesische Gu-Zheng-Spielerin, dann ist da Lisa Bielawa. Es ist ein ziemlich weites Spektrum von Konzepten und Musik. Ich bin nicht sicher, wie ich das beantworten kann.

Ich denke, es gibt in der Bay Area vielleicht andere Traditionen, weniger Scheu vor Van Halen…

Hahahaha…

Viele Musiker, die ich dort kennen gelernt habe, hatten da einen sehr entspannten Umgang mit verschiedenen Musikstilen, keine Hierarchien.

Ich kann das einfach nicht. Ich kann einfach keine Hierarchien entwickeln und an sie glauben. Ich denke, dass Hierarchien meistens auferlegte Strukturen sind, die wir benutzen, um zu rechtfertigen, was wir denken. Und für mich ist das kein Weg zu existieren. Und es gibt einige Improvisatoren hier in der Bay Area – ich nenne keine Namen -, für die freie Improvisation die einzig akzeptable Weise ist, Musik zu machen. Und es gab sogar Leute, die mich im Internet Verräter genannt haben, weil ich nicht nur improvisierte Musik spiele sondern auch Klassik spiele und Songs schreibe und singe. Ich glaube einfach nicht daran. Ich kann nicht hinter so einer Haltung stehen. Es ist so traurig, es schneidet dich von so vielen verschiedenen Perspektiven ab. Jede Art von Musik hat so viel zu bieten. Einen perfekten Pop-Song zu schreiben, ist so schwer. Wenn du einen perfekten Pop-Song hörst, ist das eine unglaublich befriedigende Erfahrung auf eine Weise, die es sonst nicht gibt. Und dann gibt es fantastische Improvisatoren wie Fred Frith und es ist die erstaunlichste spontane Komposition, die du je gehört hast. Dann wieder etwas zu hören, was eine sehr rigorose Struktur hat, wie manches von den Secret Chiefs 3, ist ebenfalls eine sehr kraftvolle Sache. Ich könnte nie guten Gewissens einen ganzen Ansatz von Musik abschreiben. Innerhalb jedes vorhandenen Ansatzes gibt es Leute, die es wirklich ernsthaft betreiben, und andere, die einfach eine Struktur ausfüllen. Ich glaube eher an intuitive Urteile über Musik.

Wie ist deine Verbindung zu Carla Bozulich?

Wir haben oft zusammen gespielt, es gibt ein Live-Album, auf dem ich spiele, ich war mit auf Tour in ihrer Band. Ich glaube, das erste Mal, das wir zusammen gespielt haben, war eine Tour ihrer Band mit 2 Foot Yard und seitdem bewundern wir uns gegenseitig. Ich bin ein großer Fan von ihr.

Und ihr seid beide große Fans von Willie Nelson.

Ja, genau.

Und ihr habt ihn beide auf Platten (auf „Red Headed Stranger“ von Carla Bozulich ist er ebenso zu hören wie auf „The Rodeo Eroded“ von Tin Hat Trio).

Vor ein paar Monaten habe ich mit ihm gespielt, auf einer Hochzeit. Ich stand auf der Bühne neben ihm und das war so so toll… Er ist ein Held von mir. Es gibt eine Menge Country Musik, die ich mir nicht anhören kann, aber dann hörst du Willie Nelson und es ist so transzendent, seine Phrasierung als Sänger und Gitarrist ist so tief und so rein und schön – absolut transzendente Musik. Es geht nicht um die Art von Musik, die er spielt, sondern um die Haltung und den Geist, den er entwickelt hat. Du kannst Menschen nicht nach der Musik beurteilen, die sie spielen.

Er hat sogar eine Reggae-Platte aufgenommen.

Ich hab ein bisschen Angst davor, hahaha…

Carla Bozulich: Die Evangelistin (Trust #120)


Carla Bozulichs Stimme lernte ich wie manch anderer kennen, als ich Mike Watts erstes Solo-Album „Ballhog Or Tugboat“ hörte. Eine Stimme, die auch von einem Mann sein könnte. Dunkel, brüchig, verletzlich, aber auch voller Kraft. Sie sang u.a. „Tuff Gnarl“ von Sonic Youth, das ich in dieser Version dem Original vor allem wegen dieser Stimme vorziehe. Keine übermäßig trainierte Stimme. Eine, deren Grenzen man hört, weil Bozulich bis an diese Grenzen geht, manchmal ein wenig weiter noch. Ähnlich wie bei Nels Cline machte ich mich auf die Suche nach ihrer Musik. Fand Geraldine Fibbers, die Rockband, mit der sie kurz dem großen Erfolg stand, eine „thinking man’s rockband“, die Can ebenso coverte wie Willie Nelson. Ich fand Scarnella, jenes Projekt zwischen anrührenden Songs und freier Improvisation von Cline und Bozulich. Und ich stieß auf die Prä-Fibbers Industrial-Rock-Band Ethyl Meatplow. Zuletzt erschienen dann zwei Solo-Alben: „Red Headed Stranger“, eine Song-für-Song-Adaption eines legendären Albums von Country-Outlaw Willie Nelson, und das experimentellere „Evangelista“, auf dem Bozulich mit Musikern von Godspeed You! Black Emperor und Silver Mt. Zion ihre eigenen Songs sowie eine ergreifende Version des Low-Songs „Pissing“ spielt. Anlässlich jenes letzten Albums kam sie dann auch endlich in greifbare Nähe und ich ergriff die Chance. Im Hafenklang nach einem WM-Spiel unterhielten wir uns vor ihrem Konzert.

Carla: Wahrscheinlich wird es heute nicht sehr voll. Wahrscheinlich du, der Typ, der kocht und vielleicht zwei andere. Sie schauen alle das Spiel (Deutschland Polen). Die Show wurde erst vor zwei Wochen angekündigt.
Das ist nicht deine erste Solo-Tour in Europa.
Nein, es ist die dritte. Es ist alles eher klein. Heute wird wohl die schlimmste Show sein. Aber ich verbreite das Wort über mein Album, und wir kommen im Herbst für sechs Wochen wieder. Dann haben die Promoter mehr Zeit.
Das letzte Mal gingst du allein auf Tour, oder?
Naja, ich hatte meine Band dabei. Aber eine Tour habe ich allein gemacht. Ich hasse es, allein zu spielen. Die Erfahrung … die Musik ändert sich für mich von Sekunde zu Sekunde, dadurch, dass ich anderen zuhöre. Es ist ein Geben und Nehmen. Und ich mag es, mit Leuten zusammenzuarbeiten. I’m a collaborator. Ich mag es nicht so sehr, Musik aus mir heraus zu generieren, wenn ich sie erstmal geschrieben habe. Ich schreibe gern allein oder mit Leuten, aber wenn ich sie spiele, … ich habe sie für viele Instrumente in meinem Kopf und bringe sie dann üblicherweise zu einer kleineren Gruppe, um es live zu spielen, aber wenn ich die Wahl hätte, hätte ich wahrscheinlich eine neunköpfige Band. Weil ich die Musik so höre. Ich höre mehr in der Musik. Ich denke über mich nicht als Sängerin, eher als Instrument in einem Ensemble.
Ist das der Grund, warum du so viele verschiedene Sachen machst? Es gibt Scarnella, eine Menge Leute spielen auf „Red Headed Stranger“. Das erste Mal habe ich dich auf „Ballhog Or Tugboat“ gehört, mit einer Menge unterschiedlicher Leute. Jetzt hast du diese Kanada-Connection mit einer Frau von Geraldine Fibbers.
Jessica Moss spielt bei Silver Mount Zion, ja sie war bei den GF. Und die anderen sind hauptsächlich von GYBE und Silver Mount Zion.
Und jedes Album steht für sich. Deine Stimme ist immer sehr erkennbar, aber es scheint nicht, dass du dich einer Musik widmest, um sie zu perfektionieren. Absicht? Oder wirtschaftlichen oder konzeptionellen Gründen geschuldet?
Definitiv konzeptionell. Ich denke, dass meine Musik ist, wie in einem Märchen, wo jemand durch verschiedene Orte auf einem Abenteuer läuft und jeder Ort ist anders. So ist Musik für mich. Ich gehe gern an verschiedene Orte und erfahre sie als Abenteuer. Und etwas geschieht in meinem Leben und das wird mir sagen, was das nächste ist, was ich tun soll. Ich wechsle nicht Stile mit Absicht, aber ich als Person verändere mich sehr schnell. Und meine Erfahrungen diktieren, wie meine Musik sein wird.
Als du „Evangelista“ geschrieben hast, hattest du da eine Vorstellung, wer es mit dir aufnehmen würde?
Eine Menge habe ich erst im Studio improvisiert. Aber das Hauptstück „Evangelista No 1“ hatte ich schon ein paar Mal mit verschiedenen Leuten gespielt. Ich wusste, was auf dem Album passieren sollte, aber ich hatte keine Ahnung, was herauskommen würde. Und was schließlich herauskam, war definitiv nicht, was ich im Kopf hatte, hahaha. Der Song E No1 Sagt auf eine Art, was ich tun wollte, und das Album wurde dann etwas anders. Aber es sollte Spiritualität und Freude ausdrücken… Wenn du Leute ansiehst, die sehr religiös sind, kannst du sie ansehen und diese fanatische Licht in ihnen sehen. Und es ist auf eine Art inspirierend, wenn es nicht so ärgerlich wäre, hahaha, wegen der Intensität, der Reinheit und der Konzentration des Gefühls und des Vertrauens in etwas, was du nicht sehen oder berühren kannst, das ziemlich unwahrscheinlich ist, aber sie glauben völlig daran. Und daran ist etwas, was eine Person auf eine Art auf ein anderes Level schießt. Und es ist normalerweise ziemlich beunruhigend, aber ich habe ein ähnliches Gefühl bei Musik. Und ich glaube, was ich bei Musik fühle, ist vergleichbar mit religiösen Gefühlen. Ich fühle das auch bei Liebe und ich bin damit nicht allein. ES gibt viele Menschen, die bei Musik und Liebe so fühlen. Ich wollte deshalb diesen Teil von mir untersuchen. Denn es ist wirklich stark in mir und diktiert, was ich tue, fast wie eine Religion. Ich beschloss, da ich so eine kraftvolle Stimme habe und so viel Überzeugung und eine gebieterische Haltung in einer Performance haben kann, wenn ich will, eine Art Predigt zu machen über Klang und Liebe. Das war ursprünglich das Konzept des Albums, aus der Idee, eine Predigt zu machen, hat es sich entwickelt, um Menschen zu inspirieren oder sie zu verängstigen, je nachdem. Einfach um zu sagen: Du hast die Wahl, teilzunehmen oder nicht. Es gibt einen Punkt in dem Song, wo es heißt: I want you to get up, i want you to feel the inside of your hot blood, feel the inside shaking and trembling. Jede Nacht sage ich das, und oft setzen sich Leute hin. Und es ist immer komisch, weil die Leute nie aufstehen werden. Ich sage nicht, ich will, dass ihr aufsteht, es ist keine Kirche. Aber es ist ein interessanter Moment, weil er Leuten bewusst macht, dass sie in diesem Moment nicht aufstehen werden. Warum nicht einfach aufstehen? Der Song ist über die Freude in dir und die Intensität, die jeder fühlt, aber niemand will aufstehen. Besonders weiße Leute nicht. Nicht nur hier. Bei meinen Shows sind nicht viele Leute, die nicht weiß sind, ich hasse das wirklich. Das, was ich mache, ist eher verwurzelt in einer Art südlichen Baptisten-Kultur, wo alle, wenn sie mit einem Priester in so einer Situation wären, aufspringen und schreien würdest. Ich schreie es oft in diesem Stück, „Liebe“. Wenn es eine Kirche wäre, würden sie auch „Liebe“ schreien. Und es ist interessant, weil ich denke, dass jeder das fühlt, egal ob schwarz oder weiß. Vielleicht nicht jeder, aber der halbe Raum fühlt dieses Hochgefühl, wenn sie verliebt sind, in andere Menschen oder einen schönen Himmel oder Klang und Musik. Und Menschen können von Musik zu Tränen gerührt oder zum Tanzen gebracht werden. Auf eine Art fordere ich Menschen heraus. Viele Songs auf dem Album sind so verletzlich, dass es Leute unbehaglich macht, sie zu hören.
Sie klingen sehr nackt.
Ja. Das ist nicht, warum ich die Platte gemacht habe, aber ich habe ein neues Stück gemacht, um das zu pushen. ES fordert die Leute heraus, habe ich auf der Bühne gemerkt, sich zu entscheiden und wenigstens eine Schicht tiefer zu gehen, als sonst in der Öffentlichkeit. Vielleicht nicht alle 50 Schichten, aber vielleicht eine.
Ist diese erwähnte schwarze Kultur Teil deiner Geschichte? Woher kommst du?
Ich komme aus Los Angeles. Aber meine Mutter hörte hauptsächlich schwarze Musik aller Art, aber vor allem mochte sie Funkadelic und Parliament, Bill Withers, Billie Holiday, Ornette Coleman, ich glaube sie mochte auch Kurt Weill. Der Same wurde sehr früh in mich gelegt.
Hast du nicht auch mal Weill gesungen?
Ich habe einmal einen Song von Brecht und Weill gesungen mit der London Symphonietta auf Patti Smiths „Meltdown“-Festival. Ich habe die Ballade Lily Of Hell gesungen, was ein gutes Stück ist, sehr rotzig.
Willie Nelson… Wenn man sich den Background anschaut, den du beschrieben hast, ist der nicht die nächste Wahl.
Das war wirklich wichtig. Ich hatte für eine Weile die Lust am Singen verloren. Nach Geraldine Fibbers hatte ich nur ein paar Songs auf der Scarnella gesungen, und Nels musste mich dazu sehr ermutigen. Ich wollte nur instrumentale Musik machen, ich war meiner Stimme ziemlich müde. Ich hatte das Gefühl,. Dass Leute meine Stimme vor die Musik stellten, und wie ich sagte, mag ich es eher, Teil eines Ensembles zu sein. Ich nahm mir wirklich eine lange Pause vom Singen, und als ich wieder anfing, war es mir zu viel Druck ein ganzes Album zu schreien. Und ich liebe dieses Willie-Nelson-Album „Red Headed Stranger“. Ich hatte seit Jahren Songs davon gespielt und ich beschloss einfach, das ganze Album zu singen, weil es eine Geschichte ist und ich gern Geschichten erzählen. Also dachte ich mir, ich erzähle die Geschichte in einer Show. Es war eine Live-Sache. Das erste Mal spielte ich es mit Alan von Low, das hat Spaß gemacht. Daraus hat es sich dann ziemlich schnell entwickelt und ich machte eine Tour mit der Band, die auch auf dem Album spielt, dann haben wir die Platte drei Tage nach der Tour an zwei Tagen aufgenommen. Da war ein Typ, der bei der Plattenfirma arbeitet, bei der Willie Nelson ist und er kannte Wille und meinte: Willie muss das hören. Und er spielte es ihm vor und Willie sagte, er wolle darauf singen, das war wirklich cool, das hätte ich nie erwartet.
Was für ein Typ ist er?
Er ist sehr mellow, er raucht eine Menge Pot. Er ist ein süßer, wunderbarer Typ, sehr gütig, sehr, weißt du, er lässt dich fühlen, dass es eine gute Idee ist, zu lachen und eine gute Zeit zu haben. Und er hat eine wunderschöne Stimme und spielt wunderbar Gitarre. Er spielt auf drei Stücken und es ist … so unglaublich.
Man hört sofort, dass er das ist. Eigentlich spielt er immer den gleichen Stil.
Er hat einen spanischen Stil. Er spielt eine Nylonsaitengitarre, sehr markant.
Es gibt kein zweites Scarnella-Album, es wird wohl auch kein zweites Willie-Nelson-Album geben. Du kehrst anscheinend nie zurück. Wird es ein zweites „Evangelista“ geben?
Ich würde gern ein zweites Album in der Richtung machen, vielleicht nicht im gleichen Stil, aber ähnlich. Ich möchte ein wenig dabei bleiben, aber ich weiß nicht genau, was das heißt, hahaha. Ich höre da etwas, was ich weiter entwickeln will. Vielleicht nenne ich es einfach „Evangelista“, nicht nach mir.
Du bist die „Evangelistin“?
Ja. Und es klingt ein bisschen revolutionär, wie „Sandinista“. Es ist eine Kombination aus Evangelist und diesem konterrevolutionären Submonster…, falls das irgendwie Sinn macht.
Du hast „Masters Of War“ (Dylan) gesungen, ist das irgendwo auf einem Album?
Das ist auf einem Album von Schlagzeuger Scott Amendola. Das war, weil ich so stark gegen den Krieg fühle. Schrecklich. Unglaublich. Ich kann nicht glauben, dass es immer noch läuft. Und dann die ganze Sache, was werden wir tun? Den ganzen mittleren Osten übernehmen? Es ist so übel. Sie können die Leute einfach nicht in Frieden lassen.
Ich denke, das war’s. Ich bin sehr aufgeregt…
Die einzige Person zu sein, die das Konzert sieht? (lacht) Es wird deine Show sein.

Die Show: Die Band macht Lärm, Carla schreit „Love“, dann kommt das ganze Programm von „Evangelista“. Scheiß auf die WM. Es war mein Konzert.