Bremer des Monats – Sven Regener (40) (aus Bremer 09/2001)


Vor rund zehn Jahren war er schon einmal Bremer des Monats. Schließlich verbindet Sven Regener immer noch so einiges mit Bremen, der Stadt, in der er am 1. Januar 1961 geboren wurde, in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Regener wohnt zwar schon lange nicht mehr hier, lebte in Hamburg und Berlin, derzeit Prenzlauer Berg, aber seine Familie lebt immer noch in Bremen, und mit der Konzertagentur Koopmann, die für die Belange Regeners und seiner Band Element Of Crime zuständig ist, gibt es eine weitere Verbindung in die alte Heimat.
So ist es wohl auch kein Zufall, dass Herr Lehmann, der Protagonist aus Regeners Debütroman, gleichfalls ein Bremer ist. „Herr Lehmann“ ist im Verlag Eichborn erschienen und bekam sogar die Weihen der ernsten Literatur: Im „Literarischen Quartett“ wurde das Buch am 17. August besprochen. Nicht schlecht für ein Erstlingswerk. Dass das mit der Konjunktur der gegenwärtig florierenden Popliteratur zu tun hat, glaubt Sven Regener nicht: „Ich halte Popliteratur eher für einen Medienhype. Das sind alles sehr unterschiedliche Leute, die ganz andere Sachen machen als ich. Ich habe jedenfalls damit wenig zu tun. Ich denke, dass die Popliteraten eher aus der journalistischen Ecke kommen, und das prägt sicher auch das, was sie schreiben.“
Herr Lehmann, der Held des gleichnamigen Romans, interessiert sich jedenfalls für all das sowieso nicht.
„Die Geschichte spielt 1989 in Kreuzberg“, erzählt Regener. „Der Protagonist wird demnächst 30 und seine Freunde nennen ihn deshalb neuerdings ‚Herrn Lehmann‘. Er arbeitet in einer Kneipe, macht sonst eigentlich nichts und findet das gut. Herr Lehmann ist der einzige, der dieses Leben als perfekt empfindet. Seine Freunde leben alle in der Zukunft und hoffen, eines Tages als Künstler, Musiker oder Akademiker groß raus zu kommen. Herr Lehmann sagt sich: ‚Was soll der Quatsch, ich arbeite gern in der Kneipe.‘ In dem Moment, wo wir ihn kennen lernen, ist sein Leben geordnet. Er hat seine Freunde, seine Umgebung, die Orte, wo er hingeht, wo er trinkt, wo er arbeitet. In dem Moment, wo der Roman einsetzt, passieren einige Dinge: Er verliebt sich, seine Eltern besuchen ihn, seine Freunde verändern sich. Er ist durch sein geregeltes Leben ein wenig seltsam geworden, und muss sich nun bewähren. Viele Leute finden das Buch lustig, aber am Ende ist es eigentlich traurig, weil Lehmann fest stellt, dass er sein Leben nicht mehr so weiter führen kann, wie er es gewohnt ist. Im Grunde ist er ein klassischer Held. Er befindet sich in einer geordneten Situation und auf einmal brechen die Dinge über ihn herein.“
Sven Regener ist kaum zu bremsen, wenn es um Herrn Lehmann geht. Der begleitet ihn nun auch schon seit einer Weile. „Das erste Kapitel habe ich vor acht oder neun Jahren mal für eine Freundin geschrieben, die dreißig wurde. Herr Lehmann kommt nachts von der Arbeit nach Hause und trifft auf einen Hund, der ihn nicht vorbei lässt. Herr Lehmann macht den Hund schließlich mit einer Flasche Whiskey betrunken, die er bei der Arbeit geklaut hat. Als ich diese Geschichte geschrieben hatte, fiel mir auf, dass dieser Mann sehr interessant ist, weil er so etwas Reines hat, etwas Puristisches.“
Weil Regener die Figur des Herrn Lehmann so faszinierend fand, dachte er jahrelang über ihn nach. Und schließlich wurde ein Roman daraus. Trotz einiger biographischer Parallelen, wie die Kindheit in Bremen und das Leben in Kreuzberg vor dem Fall der Mauer, betont Regener, dass Herr Lehmann eine fiktive Person ist.
„Ich hab nie in einer Kneipe gearbeitet. Und neben meinem Jobs habe ich immer Musik gemacht. Ich spiele seit den frühen 80er Jahren in Bands, seit 1985 gibt es Element Of Crime. Mein Leben taucht eigentlich eher in den anderen Figuren auf. Musik spielt in dem Buch keine Rolle, weil sie für Herrn Lehmann keine Rolle spielt. Kunst und Musik sind ihm egal. Das macht ihn auch immun gegen viele Spinnereien, so dass er einen klaren Blick auf die Leute hat. Er weiß ziemlich genau, was läuft. Für mich ist Herr Lehmann eher wie ein guter Freund. Ich könnte gar niemanden ‚eins zu eins‘ abbilden, den ich kenne oder beobachtet habe. Ich hätte immer Angst, den Leuten nicht gerecht zu werden. Ich spinn mir die lieber zusammen, dann können sie frei handeln.“
Musik ist für Sven Regener natürlich nach wie vor Hauptsache. Eine neue Platte von Element Of Crime ist bereits aufgenommen. Sie wird im November erscheinen. „Die Platte wird sehr schön. Eine sehr romantische Platte, deswegen heißt sie auch ‚Romantik'“ berichtet Regener.

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