In memoriam – At The Drive-In (einst fürs Intro #77)


Glauben wir zur Abwechslung mal dem Hype! Diese Typen aus El Paso haben etwas, was viele nur versprachen. Dies sind keine Typen mit albernen Baseball-Kappen und, je nach Gusto, larmoyanten Befindlichkeitssongs oder standardisierten Metal-Riffs, die was von Hardcore, Abteilung „echter Stoff“, erzählen. Hier tropft jeder Ton vor Herzblut.
At The Drive-In wollen nicht die härteste Band der Stadt und haben doch mehr Energie, als das meiste, was unter dem arg strapazierten Label Hardcore zu bekommen ist, von einem Präfix ganz abgesehen, dass hier im Blatt bereits vor ein paar Monaten etliche animierte, „Emo“-tional zu werden. Dort wurden At The Drive-In flugs zugebuttert, was einerseits die Inkohärenz der musikalischen Sortierung bebildert, andererseits ob der Dringlichkeit im Ausdruck Sinn macht.
At The Drive-In live, das ist eine explodierende, pulsierende, zuckende Band, die spielt als gäbe es kein Morgen. Ein afro-bekopfter Sänger namens Cedric, mehr in der Luft oder sich am Boden windemd, als dass er irgendwo herumstünde, während sein Mikrophon anscheinend ein Eigenleben führt, um trotzdem zu (fast) jedem Einsatz am richtigen Ort zu sein, und eine Band, die das Wort Spielfreude neu mit Sinn erfüllt. Die Energie, die At The Drive-In frei setzen, ist enorm. Nun hat die Welt des Geschäfts von ihnen Notiz genommen.
„Die Leute, die Digital Entertainment Network (DEN) betreiben, wollten die Platte herausbringen“, berichtet Cedric Bixler. „Sie managen u.a. die Beastie Boys. Mike D. hatte die Platte gehört und mochte sie. Eines Tages sagten sie, wir seien nicht mehr auf DEN, aber sie hätten mit Grand Royal fusioniert, die ihren Vertrag mit Capitol gerade aufgelöst hatten. So endeten wir auf Grand Royal. Das ist lustig, weil das eines der Labels ist, denen ich unsere Sachen schicken wollte. Es gab noch andere Angebote von großen Labels, die wirklich seltsam waren. Sie wollten uns ins Radio bringen und all den Mist. Das war nicht unser Stil. Wir haben das Essen mitgenommen und ein paar CDs, die wir nachher versetzt haben,“ lacht Cedric, und Omar, einer der beiden Gitarristen, stimmt unbeschwert ein.
Ende September erschien – in Deutschland via Zomba – „Relationship Of Command“, aufgenommen von Ross Robinson, berüchtigt für monströse Metal-Produktionen. Habt ihr euch den ausgesucht?
„Omar, sags ihm…“ druckst Cedric herum.
„Du meinst, wie es war, mit ihm zu arbeiten?“
Omar lacht in sich hinein…
Cedric: „Schneller!“
Und sie können sich kaum einkriegen, bis Omar erzählt: „Er hatte uns gehört und wollte uns aufnehmen. Wir waren nicht gerade begeistert. Dann bot er uns an, einen Song umsonst bei ihm aufzunehmen, und es war großartig.“
Cedric ergänzt: „Er brachte uns bei, uns im Studio gehen zu lassen. Und wir hatten zum ersten Mal genug Zeit. Bei ‚in/CASINO/OUT‘ fehlen eine Menge Backings. Komisch, was man so vergisst. Ich habe noch nie nach seiner Methode aufgenommen – allen vorher meine Texte zu erklären, eine Stimmung herzustellen, damit alle auf der gleichen Ebene sind, damit entsteht, was wir auf der Bühne machen. Das hat er geschafft.“
Auf den Mann lassen sie nichts kommen. „Er versucht, von seinem Ruf wegzukommen“, erzählt Cedric. „More power to him! Er hasst, was er getan hat. Naja, er hasst es nicht, aber er mag nicht, was daraus geworden ist.“
Das Ergebnis enttäuscht jedenfalls locker sämtliche Befürchtungen, die man hätte haben können. Immer noch scheint Cedric kaum an sich halten zu können, ohne dabei die – manchmal wirklich schönen – Melodien zu vergewaltigen, immer noch braucht die Musik At The Drive-Ins keine Breitwand-Gitarren, um die Wirkung zu entfalten, die sie aus Dynamik, Taktverkürzungen und sorgfältig platzierten Brüchen bezieht – und zunehmend auch aus der Beschäftigung mit anderer Musik. Cedric und Omar betreiben nebenher noch die Dub-Band De Facto, und schon auf „Vaya“, der grandiosen letzten EP, waren verstärkt elektronische Sounds eingelegt, auf einer Split-EP mit den Tschechen Sunshine gingen sie noch weiter.
„Wir wollten nicht immer normalen Rock-Kram schreiben“, sagt Cedric. „Es hilft, die Monotonie aufzubrechen. Das neue Album ist Rock. Aber wahrscheinlich wird es auf der nächsten EP mehr davon geben.“
Die Arbeit mit Ross Robinson hatte überdies zur Folge, dass Fossil Iggy Pop bei „Rolodex Propaganda“ mit Cedric duettiert.
„Ross kennt ihn. Wir schickten ihm eine CD, er mochte es und kam vorbei. Es hat Spaß gemacht“, erzählt Cedric.
Und die Sache mit dem Emo-Core?
Nach einem gepflegten Lachanfall meint Cedric: „Damit muss Schluss sein. Es war ein schlimmes Wort, dann wurde es cool, und jetzt ist es wieder ein schlimmes Wort.“

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Bremer des Monats – Sven Regener (40) (aus Bremer 09/2001)


Vor rund zehn Jahren war er schon einmal Bremer des Monats. Schließlich verbindet Sven Regener immer noch so einiges mit Bremen, der Stadt, in der er am 1. Januar 1961 geboren wurde, in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Regener wohnt zwar schon lange nicht mehr hier, lebte in Hamburg und Berlin, derzeit Prenzlauer Berg, aber seine Familie lebt immer noch in Bremen, und mit der Konzertagentur Koopmann, die für die Belange Regeners und seiner Band Element Of Crime zuständig ist, gibt es eine weitere Verbindung in die alte Heimat.
So ist es wohl auch kein Zufall, dass Herr Lehmann, der Protagonist aus Regeners Debütroman, gleichfalls ein Bremer ist. „Herr Lehmann“ ist im Verlag Eichborn erschienen und bekam sogar die Weihen der ernsten Literatur: Im „Literarischen Quartett“ wurde das Buch am 17. August besprochen. Nicht schlecht für ein Erstlingswerk. Dass das mit der Konjunktur der gegenwärtig florierenden Popliteratur zu tun hat, glaubt Sven Regener nicht: „Ich halte Popliteratur eher für einen Medienhype. Das sind alles sehr unterschiedliche Leute, die ganz andere Sachen machen als ich. Ich habe jedenfalls damit wenig zu tun. Ich denke, dass die Popliteraten eher aus der journalistischen Ecke kommen, und das prägt sicher auch das, was sie schreiben.“
Herr Lehmann, der Held des gleichnamigen Romans, interessiert sich jedenfalls für all das sowieso nicht.
„Die Geschichte spielt 1989 in Kreuzberg“, erzählt Regener. „Der Protagonist wird demnächst 30 und seine Freunde nennen ihn deshalb neuerdings ‚Herrn Lehmann‘. Er arbeitet in einer Kneipe, macht sonst eigentlich nichts und findet das gut. Herr Lehmann ist der einzige, der dieses Leben als perfekt empfindet. Seine Freunde leben alle in der Zukunft und hoffen, eines Tages als Künstler, Musiker oder Akademiker groß raus zu kommen. Herr Lehmann sagt sich: ‚Was soll der Quatsch, ich arbeite gern in der Kneipe.‘ In dem Moment, wo wir ihn kennen lernen, ist sein Leben geordnet. Er hat seine Freunde, seine Umgebung, die Orte, wo er hingeht, wo er trinkt, wo er arbeitet. In dem Moment, wo der Roman einsetzt, passieren einige Dinge: Er verliebt sich, seine Eltern besuchen ihn, seine Freunde verändern sich. Er ist durch sein geregeltes Leben ein wenig seltsam geworden, und muss sich nun bewähren. Viele Leute finden das Buch lustig, aber am Ende ist es eigentlich traurig, weil Lehmann fest stellt, dass er sein Leben nicht mehr so weiter führen kann, wie er es gewohnt ist. Im Grunde ist er ein klassischer Held. Er befindet sich in einer geordneten Situation und auf einmal brechen die Dinge über ihn herein.“
Sven Regener ist kaum zu bremsen, wenn es um Herrn Lehmann geht. Der begleitet ihn nun auch schon seit einer Weile. „Das erste Kapitel habe ich vor acht oder neun Jahren mal für eine Freundin geschrieben, die dreißig wurde. Herr Lehmann kommt nachts von der Arbeit nach Hause und trifft auf einen Hund, der ihn nicht vorbei lässt. Herr Lehmann macht den Hund schließlich mit einer Flasche Whiskey betrunken, die er bei der Arbeit geklaut hat. Als ich diese Geschichte geschrieben hatte, fiel mir auf, dass dieser Mann sehr interessant ist, weil er so etwas Reines hat, etwas Puristisches.“
Weil Regener die Figur des Herrn Lehmann so faszinierend fand, dachte er jahrelang über ihn nach. Und schließlich wurde ein Roman daraus. Trotz einiger biographischer Parallelen, wie die Kindheit in Bremen und das Leben in Kreuzberg vor dem Fall der Mauer, betont Regener, dass Herr Lehmann eine fiktive Person ist.
„Ich hab nie in einer Kneipe gearbeitet. Und neben meinem Jobs habe ich immer Musik gemacht. Ich spiele seit den frühen 80er Jahren in Bands, seit 1985 gibt es Element Of Crime. Mein Leben taucht eigentlich eher in den anderen Figuren auf. Musik spielt in dem Buch keine Rolle, weil sie für Herrn Lehmann keine Rolle spielt. Kunst und Musik sind ihm egal. Das macht ihn auch immun gegen viele Spinnereien, so dass er einen klaren Blick auf die Leute hat. Er weiß ziemlich genau, was läuft. Für mich ist Herr Lehmann eher wie ein guter Freund. Ich könnte gar niemanden ‚eins zu eins‘ abbilden, den ich kenne oder beobachtet habe. Ich hätte immer Angst, den Leuten nicht gerecht zu werden. Ich spinn mir die lieber zusammen, dann können sie frei handeln.“
Musik ist für Sven Regener natürlich nach wie vor Hauptsache. Eine neue Platte von Element Of Crime ist bereits aufgenommen. Sie wird im November erscheinen. „Die Platte wird sehr schön. Eine sehr romantische Platte, deswegen heißt sie auch ‚Romantik'“ berichtet Regener.