Der alte Mann und sein Bong – Debris Inc.


Nie war es so schön, zu spät geboren zu sein, wie beim Hören der alten Platten von Saint Vitus. Und nie gab es einen schöneren Ersatz für Black Sabbath. Als die dann irgendwann wieder mit Ozzy auf Tour gingen, war es bei aller Gänsehaut zumindest auch tragikomisch, den debilen Frontmann zu beäugen, der da über die Bühne tapste und in die Hände klatschte. Saint Vitus aber waren da schon seit ein paar Jahren Vergangenheit. Lediglich Wino tauchte irgendwann aus dem Nebel auf und schenkte uns neue Musik. Aber die klang eben nicht nach Vitus. Vorletztes Jahr war es dann soweit: Saint Vitus standen wieder gemeinsam auf der Bühne, wenn auch nur zweimal. Aber Dave Chandler, der Gitarrist und Hauptkomponist der Band hatte da schon eine neue Band gegründet. Mit seinem alten Buddy Ron Holzner, den manch einer vielleicht von Trouble kennt. Nun erschien endlich das unbetitelte Debüt von Chandlers neuer Band. Da rufen wir doch glatt mal in Los Angeles an und fragen nach, wie das zustande kam…

Was hast du in der ganzen Zeit seit dem Ende von Saint Vitus gemacht – abgesehen von der kurzen Reunion?

Nach der Trennung von Saint Vitus habe ich fünf Jahre lang gar nichts mit Musik gemacht. Ron hat mich dann wieder überredet, in die Szene zurückzukehren. Ich wollte in einer Punkrock-Band singen, da meinte er: Okay, machen wir das. Weil er wusste, dass ich wieder Gitarre spielen würde, sobald wir einmal dabei waren. Wir begannen mit Debris Inc. im Jahr 2000, haben immer wieder daran gearbeitet. Wir waren auch auf dem Wacken-Festival 2002. Wir spielten Born Too Late und die Leute standen drauf. Also dachte ich: Mal schauen, ob ich die Typen zusammenkriege für ein Festival im nächsten Jahr. So kam es zu der Reunion. Wir spielten eine Show in Chicago und eine bei With Full Force. Das sollte wirklich nur einmalig sein, just for the hell of it. Aber es war Spaß.

Ein Bekannter erzählte, die Leute hätten so laut mitgesungen, dass man die Band fast nicht mehr gehört habe…

Cool… wir haben ein Video davon, das ist ziemlich wild.

Wird irgendwas davon veröffentlicht?

Wir wollten eine DVD von der Show in Chicago rausbringen, aber wir warten noch damit, weil Southern Lord gerade V wiederveröffentlicht hat, und in ein paar Monaten bringen sie das Live-Album raus. Wenn das so gut läuft wie V, bringen wir das als DVD raus. Aber im Prinzip ist es beinahe fertig.

Ich habe Saint Vitus seinerzeit auf der letzten Tour mit Scott Reagers (seinerzeit erster Sänger der Band und leider auch letzter) 1995 gesehen. Es schien Spannungen in der Band zu geben. Warum habt ihr euch aufgelöst?

Scotty bereitete seinen Ausstieg vor, und als er schließlich ausstieg, mussten wir die Tour abbrechen. Das war eine Art letzter Hoffnung, und es funktionierte nicht besonders gut. Aber wir sind alle ziemlich glücklich damit, wie das letzte Album „Die Healing“ klang. Wir alle lieben die Platte.

Du hast also fünf Jahre lang keine Musik gespielt. Kein Inspiration?

Ich fuhr oft nach Las Vegas und nach Mexiko, saß viel zuhause rum und rauchte eine Menge Pot und so, spielte Videospiele. Ich wollte nichts mit der Musikszene zu tun haben. Ich habe zwei Jahre lang nichtmal Platten gehört. Ich hab TV geschaut und so. Ich ging auch nicht auf Konzerte. Aber dann entdeckte ich es wieder.

Saint Vitus gab es ja ziemlich lange – sehr viel Erfolg habt ihr trotz ergebener Fans nicht unbedingt gehabt.

Ja, aber jetzt beginnen die Leute, aufmerksam zu werden, sie spielen die Vitus-Platten ihren Kids vor, und das ist ziemlich cool. Als wir in Wacken spielten, kamen viele Leute, zeigten uns ihre Vitus-Tattoos und stellten uns ihre kleinen Kinder vor. Die Hardcore-Fans sind uns treu geblieben.

Ich war überrascht, dass das Debris-Album sehr nach alten Vitus klingt, sehr rau.

Ich schrieb die meisten Songs, von daher klang es ohnehin schon danach, aber wir wollten sowieso eine raue, ungeglättete Produktion, so wie es früher war.

Es gibt auch diesen 80er-HC/Punk-Einfluss.

Das kommt, weil wir so lange auf SST waren und so. Wir wollten, dass das Debris-Album verschiedenen Leuten gefällt, deswegen haben wir die verschiedenen Stile drauf.

Wie bist du mit Ron zusammengekommen?

Ich kenne ihn seit Jahren, als er noch Roadie bei Trouble war. Er kam damals nach Kalifornien mit ihrem Schlagzeuger. Ich weiß gar nicht mehr, warum sie gekommen warn, ich glaube es war eine Art Urlaub. Und sie schauten in der Zeitung nach, was sie tun könnten und sahen, dass wir spielten. Also kamen sie zum Club, sagten sie seien Fans und dass sie uns treffen wollten und so weiter. Aber wir spielten gar nicht, weil SST die Show gebucht hatten, ohne uns davon zu erzählen. Wir waren also gar nicht da. Sie fragten einen von SST, ich glaube es war Chuck, ob er uns auftreiben könne. Er rief mich an, weil er meine Nummer nicht rausgeben wollte, und fragte, ob wir mit den Typen sprechen würden. Ich sagte: Yeah! Weil ich ein großer Trouble-Fan war. Ich lud sie zu mir ein und sie blieben über Nacht. So traf ich Ron. Wir blieben in Kontakt, weil wir uns sofort anfreundeten. Wir riefen uns oft betrunken spät in der Nacht an und so. Wir kennen uns seit damals. Wir waren dafür bestimmt, zusammen zu arbeiten, schätze ich (scherzt er)…“

Was ist mit Trouble eigentlich im Moment los?

Ich weiß nicht, ich hörte sie spielen wieder zusammen. Wir trafen ihren neuen Bassisten letztes Jahr, und ich hörte sie wollen eine neue Platte machen, das war zumindest der Plan letztes Jahr. Aber ich weiß nicht genau, was sie tun. Ich bin nicht wirklich in Kontakt mit ihnen.

Es spielen eine Menge Leute aus vielen Bands auf Eurer Platte…

Wir haben über die Jahre viele Leute kennen gelernt. Und wir wollten kein festes Line-up, sondern flexibel sein. Als wir anfingen, waren es nur ich und Ron, ich spielte Gitarre und er Schlagzeug. Und dann dachten wir, wir suchen uns zum Aufnehmen ein paar Leute. Er kannte Tony (Costanza) von Crowbar, dann wollten wir an die Westküste zum Aufnehmen wegen Greg Rogers von The Obsessed, also kam Ron her. Barry (Stern, ehemals Schlagzeuger bei Trouble) spielte ein paar Live-Shows mit uns, deswegen wollten wir einen Song mit ihm aufnehmen, also gingen wir nach Chicago zum Abmischen und nahmen mit ihm dort auf. Wir wollten so viele Leute wie möglich. Wir haben noch Songs von der Platte, die wir separat als EP oder so rausbringen werden, weil wir sie nicht rechtzeitig abmischen konnten. Auf der nächsten Platte wollen wir dann aber noch mehr Leute mitspielen lassen. Wir wollen ein Konglomerat von neun Millionen Schlagzeugern auf der Platte…

Vielleicht nicht sehr praktisch für Tourneen…

Wir suchen uns dann einen aus. Auf der letzten Tour spielten wir mit Jimmy Bower (EYEHATEGOD, COC et al.), und er kommt vielleicht auch mit auf Europa-Tour in diesem Sommer. Wir gehen jetzt in den USA auf Tour mit einem Schlagzeuger, mit dem niemand von uns je gespielt hat. Er wurde uns von einem Freund empfohlen. Wir haben ihn noch nicht getroffen. Er spielt nur den einen Teil, den anderen wird ein Typ aus einer lokalen Band von Chicago spielen. Es ist etwas weird, aber man muss sich eben an die verschiedenen Arten zu spielen gewöhnen. Ich mag diese Herausforderung.

Du sagtest, Wino sei der einzige Ex-Vitus, der noch Musik macht. Was ist mit den anderen?

Sie machen keine Musik mehr. Sie arbeiten. Mark passt auf seine Mutter auf, weil es ihr nicht sehr gut geht. Armando hatte einen Motorradunfall und konnte keine Musik machen, selbst wenn er gewollt hätte. Sie arbeiten, versuchen über die Runden zu kommen. Wir sehen uns ab und zu. Aber sie sind sehr beschäftigt mit der Arbeit. Und wenn ich nichts mit der Band mache, muss ich auch arbeiten. Wir telephonieren ab und zu, und neulich waren sie hier. Als die Band zerbrach, machte einfach jeder sein Ding. Wir kommen manchmal an Feiertagen zusammen und trinken was. Es gibt keine Animositäten oder so.

Und Wino? Seid ihr in Kontakt? Verfolgst du was er macht?

Nicht wirklich, weil ich Heavy Metal nicht mehr sehr verfolge. Ich mag was ich mag und mache Debris. Aber ab und zu rufe ich an, wenn wir Geld für Saint Vitus bekommen haben. Ich schicke ihm seinen Teil und rufe dann immer an und sag Bescheid. Ich weiß, was bei ihm abgeht, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Ich weiß dass er The Hidden Hand macht und so Sachen. Letztes Jahr spielten wir eine kleines Festival, und Hidden Hand und Debris spielten am gleichen Tag. Das war ziemlich cool.

Magst du seine Band?

Sie sind in Ordnung. Nicht unbedingt die verrückte Sorte von Zeug, die ich mag, aber sie sind ziemlich cool. Sie sind gute Musiker.

Was für Zeug magst du?

Die Sorte Musik, die Debris spielen. Ich mag meine alten Punkrockbands. Es gibt nicht allzu viele neue Bands, die ich sehr aufregend finde, um dir die Wahrheit zu sagen. Ich mag Dancehall-Reggae. Das höre ich viel, die schnellen Sachen. Stoned sein und im Haus rumspringen…

Die Texte auf deiner neuen Platten handeln oft davon, angepisst zu sein und Drogen zu nehmen.

(kichert) Yeah, kinda. Es gibt viel Humor in den Texten. Wir versuchen, lustig zu sein. Songs wie „You’re The Reason Why I’m Medicated oder „I Feel Like Shit Again“, solche Sachen Es sind sehr realistische, lebensnahe Texte.

Wie ist das mit „Too Many Mushrooms On My Pizza“? Schonmal ausprobiert?

Ja, aber es funktioniert nicht so gut, weil die Pilze verkochen. Es ist besser, wenn man sie roh isst.

Und was ist ein „Manhattan Breakfast“?

Ron kam damit an, als er nicht ganz bei Verstand war. In vielen großen Städten, nicht nur in Manhattan, sind die Leute immer busy, rennen hier und dahin, und alles was sie zum Frühstück haben, ist Kaffee und Zigaretten.

Und der Bandname?

Debris ist das, was übrigbleibt, wenn du ein Gebäude abreißt. Ich bin ein Überbleibsel von St. Vitus, Ron ist ein Überbleibsel von Trouble, also meinte ich: Nennen wir uns Debris. Er fand das gut. Im Internet fanden wir allerdings eine Menge Bands, die Debris heißen. Weil wir den Namen behalten wollten, meinte ich, wir wollen eine Menge Musiker inkorporieren, also nennen wir uns Debris Inc. Es klingt außerdem nach Murder Inc. Das gab es noch nicht.

Das war’s schon. Einen schönen Tag noch.

Oh, ich habe viel zu tun. Ich ziehe in drei Wochen nach Louisiana. Es ist näher an Chicago, außerdem heirate ich, und meine Freundin hat ihre Eltern dort wohnen und so.

Kommt der alte Zausel also doch unter die Haube… Die Überschrift entstammt übrigens auch einem Song von Debris Inc., nur um Missverständnisse zu vermeiden. Aber Chandler dürfte damit durchaus sich selbst im Sinn gehabt haben…

aus Trust # 112

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