San Francisco, 2009


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In Bewegung – Dinosaur jr.


Mittlerweile dürfte sich so einiges herumgesprochen haben: Dass Dinosaur jr. mitsamt dem alten Schriftzug wieder da sind, mit Murph und Lou. Dass sie eine neue Platte gemacht haben. Dass diese wieder mal sehr toll und dinosaur-mäßig geworden ist (wobei sich nicht ganz so weit herumgesprochen hat, dass sie eher klingt wie die Dinosaur nach dem Auseinanderbrechen der Urbesetzung und nicht, wie irrtümlicherweise mindestens in jeder zweiten Besprechung behauptet, ganz und gar nach „Bug“ oder gar „You’re Living All Over Me“ klingt, die, wie sich wiederum begrenzter Bekanntheit erfreut, vor zwei Jahren neu aufgelegt wurden). Dass J Mascis ein schweigsamer Mensch ist. Dass sie im Sommer bei den Red Hot Chilli Peppers mitfahren, die sich als eine Art Arbeitsprogramm für Ex-SST-Musiker entpuppen, nahmen sie doch beim letzten Mal Mike Watt im Vorprogramm mit nach Deutschland (nächstes Mal dann mit den wiedererstandenen Meat Puppets?). Manch ein Mensch mag auch wissen, dass ich diese Band wie kaum eine andere schätze. Und deshalb gibt es jetzt auch im TRUST ein Interview mit dem alten Schweiger und Main Man J Mascis. Über „Beyond“, wie das Reunion-Album heißt, darüber, wie es ist, wieder zusammen zu spielen, nachdem man sich seinerzeit nicht unbedingt freundschaftlich getrennt hatte, über das was zwischendurch geschah und was in aller Welt „Keeblin’“ sein soll, Titel eines Songs der mittleren Phase, der mir einst schwer zu denken gab.

Es ist schön, dass ihr wieder zusammenspielt – jedenfalls für mich. Ich weiß ja nicht, wie es für dich ist…

Mascis: Es ist gut.

Wie ist es denn, wieder so nah zusammen zu arbeiten nach all den Jahren?

Mascis: Es ist eine Mischung. Es fühlt sich gut an, energetisch und irgendwie kraftvoll. Gleichzeitig ist es auch beschämend.

So weit ich weiß, hattet ihr eine Menge Auseinandersetzungen, bevor ihr auseinander gegangen seid. Ist das irgendwie Thema?

Mascis: Nicht wirklich. Wir wurden erwachsen. Lou, denke ich, machte damals ein Menge Erwachsenwerden durch.

Also redet ihr nicht darüber?

Mascis: Nicht wirklich. Manchmal in Interviews oder so, wenn jemand fragt (und lacht leise). Es ist wie Familienprobleme…

Das übliche Zeug…

Mascis: Yeah.

Wie habt ihr zusammengearbeitet bei dem Album. Ich denke, du hast deine Songs geschrieben, Lou seine…

Mascis: Ja, ich schrieb Songs, Wir hatten das alte Problem: Lou zum Songschreiben zu bringen. Es war immer ein großes Problem. Das war das Hauptproblem, weshalb wir uns trennten. Er schrieb keine Songs. Und an irgendeinem Punkt, vor „Bug“, weißt du, stellte er fest, dass er nichts beitragen würde, weil wir als Band die Songs ruinieren würden. Er wurde so passiv-aggresiv. Er wollte nicht der sein, der ausstieg, aber er wollte auch nicht in der Band sein, nichts beitragen. Bei diesen Aufnahmen war es wirklich schwierig, ihn zum Schreiben zu bringen. Wir quetschten sie ganz am Ende aus ihm heraus und machten noch eine Aufnahme-Session. Ich kenne den wirklichen Grund nicht, er sagte verschiedene Sachen wie „Oh, ich kann keine Songs schreiben“, er ließ Murph nach LA holen, wo er lebt, und sie spielten eine Woche zusammen. Schließlich drückten wir die Songs irgendwie aus ihm heraus. Es schien wichtig zu sein, dass er ein paar Songs auf dem Album hat, weil er gern singt – mehr als ich, schätze ich. So hat er ein paar Songs, die er live singen kann.

Er machte den Eindruck, als würde er es sehr genießen, die Sachen zu spielen. Aber es hat damit zu tun, für Dinosaur jr. zu schreiben, weil er die ganze Zeit Songs für seine Bands schreibt?

Mascis: Richtig.

Warum habt ihr euch entschieden, ein neues Album zu machen?

Mascis: Weil wir jetzt schon seit drei Jahren zusammenspielen und meinten, wir könnten noch ein bisschen mehr spielen, dachten wir, wir bräuchten neue Songs, weil es uns nervt, immer wieder das selbe Set zu spielen. Es schien uns ein guter nächster Schritt zu sein, um weiterzumachen. Entweder würden die Leute es mögen und wir würden weiter spielen können, oder es würde fehlschlagen und wir könnten aufhören. So oder so wäre es eine Bewegung hin zu etwas.

Was ist der Plan für die nächsten Jahre? Habt ihr Pläne?

Mascis: Ja, wir haben Pläne, im Sommer zu touren. Und ich schätze, es hängt davon ab, wie die Platte läuft…

Wart ihr über die Jahre in Kontakt in all den Jahren, die ihr nicht miteinander gespielt habt?

Mascis: Ja, hin und wieder, aber nicht so oft.

Ich hab keine Ahnung, was Murph in all der Zeit gemach? Ich weiß, dass er ein bisschen länger in der Band war als Lou.

Mascis: Er war bei den Lemonheads. Dann ging es abwärts und er hatte irgendwie eine schlechte Phase für eine Weile. Er hat nicht mit Leuten gespielt.

Wo lebt er?

Mascis: Er lebt eigentlich nirgendwo wirklich. Wir versuchen, irgendwo ein Apartment für ihn zu finden. Vielleicht in Amherst. Aber er beschwert sich immer darüber. Er ist irgendwo in New Hampshire, da hat er eine Freundin. Aber er ist noch nicht wirklich von der Tour nach Hause zu kommen. Ich versuche ihn dazu zu bringen, ein Apartment zu kaufen, oder wenigstens eins zu mieten.

Du hast auch mit den Lemonheads gespielt, wenn auch nur ein paar Soli – wie kam das?

Mascis: Oh ja. Sie fragten mich. Der Schlagzeuger der Descendents, der auch mitspielt, fragte mich. Ich habe die Descendents immer wirklich gemocht.

Die sollten eigentlich auch mal wieder auftauchen.

Mascis: Ja, es scheint, dass sie alle fünf Jahre wieder auftauchen.

Du machst eine Menge Sachen. Es gab Witch, diese Stonerrock-Band, es gab „Songs For Amma“, du hast diese Stooges-Sache gemacht – wie wichtig ist es für dich, eine dauerhafte Band zu haben?

Mascis: Keine Ahnung. Ich will einfach etwas zu tun haben, schätze ich. Irgendwie spielen. Ich weiß nicht, ob es so wichtig für mich ist.

Du folgst also nicht einer Strategie oder betreibst Karriereplanung?

Mascis: (lacht leise) Nein.

Produzierst du noch Bands?

Mascis: Nein. Ich gab das auf. Ich hab das seit den mittleren Neunzigern nicht mehr gemacht. Ich hab nicht das richtige Temperament dafür. Ich verstehe wahrscheinlich nicht wirklich, was ein Produzent macht. Es ist irgendwie ein schmutziger Job für mich. Es ist ein bisschen ein Betrug. Man macht nichts wirklich Konkretes.

Man kann eine Band in eine bestimmte Richtung drücken oder ein paar Knöpfe drehen – es gibt da wohl verschiedene Wege…

Mascis: Ja, Toningenieur ist die eine Sache. Ich mag das nicht, ich hab nicht die Geduld dafür. Ich denke darüber mehr… Es ist schwierig. Es ist eine Kunstform, deren Wert gesunken ist, durch das ganze Homerecording. Es ist ein schwerer Job, wenn du es gut machen willst. Das Homerecording hat es irgendwie ruiniert. Ich erinnere mich, dass Steve Albini nie Produzent genannt werden will.

Du hast ein richtiges Studio zuhause?

Mascis: Ja. Jetzt benutze ich ProTools.

Auch für Beyond?

Mascis: Ja. Ich schätze, ich habe es produziert. Ja, die erste Platte, die wir auf ProTools gemacht haben. Das Witch-Album haben wir bei mir zuhause mit ProTools gemacht. Ich hatte eine Bandmaschine, die mit dem Studio verbrannt ist, als mein Haus abbrannte. Jetzt haben wir ein anderes Haus und das Studio ist in der obersten Etage und es ist schwer, eine Bandmaschine da hoch zu kriegen, weil sie so schwer ist (lacht). Teils. Aber dann dachte ich auch, ich könnte ProTools ausprobieren, weil ich das noch nie gemacht hatte. Ich hätte das nie gedacht. Ich weiß nicht… Ich meine, ich mag alles daran… bis auf den Sound (lacht). Es klingt immer ein bisschen… Ich denke, es ist passabel.

Was ist der Unterschied im Sound zu analogen Aufnahmen?

Mascis: Es ist irgendwie eine Art von Tiefe oder so. Digitale Aufnahmen sind ein bisschen flacher. Wenn du dir das oft anhörst, gewöhnen sich deine Ohren daran und du kannst kleine Details feststellen. Und es ist wirklich skizzenhaft. Es fühlt sich alles an wie ein Spielzeug und als würde es jede Minute kaputtgehen. Der ganze andere Kram wirkt wirklich wie ernsthafte professionelle Ausrüstung, aber am Ende nimmst du mit diesem Spielzeug auf und es ist alles etwas angsteinflößend. Computer sind nicht wirklich dafür gemacht… Aber es ist ein bisschen aufregend, am Rand zu leben und alles verschwinden zu sehen.

Bänder können verbrennen…

Mascis: Ich hab es am Ende auf Band gemischt, so dass es für mich am Ende wenigstens wirklich existiert.

Diese Band Witch, ist das wirklich eine Band? Hast du ausgeholfen als Schlagzeuger?

Mascis: Nein, ich hab die Band gegründet.

Mit ein paar Typen aus Amherst?

Mascis: Ja.

Macht ihr weiter?

Mascis: Wir haben uns getrennt, aber vielleicht kommen wir wieder zusammen. Wenn wir im Vorprogramm der Stooges spielen können, machen wir vielleicht weiter (lacht).

Eigentlich hast du ja die Stooges wieder zusammengebracht – zumindest hast du sie mit Mike Watt verkuppelt. Ihr hattet dieses Projekt, wo ihr Stooges-Songs gecovert habt. Du bist aber nicht mehr involviert, oder?

Mascis: Nein, nicht seit Iggy wieder auf der Bildfläche erschien. (lacht) Da wurde ich rausgeschmissen. Ich spielte mit Watt ein paar Gigs mit Stooges-Songs (damals war er mit The Fog unterwegs, bei denen Mike Watt Bass spielte). Wir spielten in Ann Arbor und spielten mit Ron (Asheton). Dann spielten wir mehr Gigs und dann hatten wir einen Gig, wo wir nur Stooges-Songs spielen sollten, und Ron brachte seinen Bruder mit. Und wir spielten mehr Gigs. Dann hörte Iggy davon und wir bekamen gute Kritiken und er rief an… „Es ist meine Band, ich bin einer von ihnen…“ Dann machten sie weiter. Hast du sie gesehen?

Nein. Sie haben nicht allzu viel in Deutschland gespielt.

Mascis: Sie sind ziemlich gut.

Zwei Fragen noch: Der Gesang auf dem neuen Album ist deutlich lauter als früher, man versteht mehr von den Texten.

Mascis: Oh wirklich?

Naja, nicht alles, aber… Du hast mal gesagt, dass du es magst, wenn Leute nicht alles verstehen und sich ihren eigenen Reim darauf machen. War das eine bewusste Entscheidung, den Gesang mehr in den Mittelpunkt zu rücken?

Mascis: Ich weiß nicht, ich mein, ich denke nicht, dass der Gesang so laut ist. Außer bei Lous Songs. Ich denke, deswegen wurden REM groß, weil jeder seine eigenen Songs daraus machte.

Was ist Keeblin‘?

Mascis: Keeblin‘, das ist… Dieser verrückte Typ aus meiner Stadt erfand das. Kennst du diese Kekse aus Amerika, Keebler, das ist die Marke? Sie haben Anzeigen mit diesen kleinen Kobolden. Sie leben in einem Baum (lacht) und sie machen diese Kekse, wie die Helfer vom Weihnachtsmann. Und… also… (lacht) Es bedeutet… ähm, wie kann ich das erklären. Wenn du dich verhältst wie diese verrückten kleinen Kobolde, die zusammen in einem Baum leben… (lacht) Ich weiß nicht.

Es gibt diese Solo-Aufnahme aus dem CBGBs von dir, wo du den Song damit ansagst, dass eine Menge Freunde von dir das Keebling betreiben.

Mascis: Ja. Es ist… obskur. Es ist ein bisschen wie… mehr… die Konnotation ist mehr pervertiert oder so. Wie verrückte kleine Männer, die in Bäumen leben und Kekse backen.

Wie Hobbits?

Mascis: Ja, vielleicht ein bisschen wie die Beziehung zwischen dem Hobbit und dem anderen Typen. Ein bisschen wie der Hobbit. Eine leicht homosexuelle Konnotation, aber nicht ganz. Eine seltsame Beziehung zwischen antisozialen Typen, die nicht mit der Realität umgehen können. Der Hobbit trifft es ganz gut, aber es ist ein bisschen mehr dement (lacht), ein bisschen wahnsinniger. Es ist nicht sehr positiv.

Du beschwerst dich in dem Song über dieses Verhalten?

Mascis: Nein, ich habe ihn einfach so genannt, weil dieser Typ die ganze Wörter erfunden hat.

Hast du noch andere seiner Schöpfungen benutzt?

Mascis: Der Bandname Gobblehoof kam auch aus dieser Richtung.

Der Typ lebt immer noch in Amherst?

Mascis: Ja. Ich glaube, er ist wütend auf mich. Er ist der örtliche Verrückte. Weil ich im Plattenladen seine Tapes nicht verkauft habe. Irgendwann kam er rein und hat rumgeschrien, weil er dachte, ich mache mich über ihn lustig. Er ist ein ganz guter Gitarrist und Schlagzeuger, aber er ist wirklich ziemlich wahnsinnig.

Aber er ist nicht angsteinflößend?

Mascis: Nein, aber er hat Leute auf seiner Shitlist.

Er ist wahrscheinlich ein bisschen paranoid.

Mascis: Oh ja. Murph schuldete ihm 20 Dollars, und der hatte ein paar von Murphs Schlagzeugteilen. Er fragte mich, ob ich sie kaufen wollte. Ich sagte, er solle sie bei Ebay einstellen. Also verkaufte er sie bei Ebay für 300 Dollar, und Murph schuldete ihm 20. Es ist eine Mischung aus Schuldbewusstsein, aber er ist immer noch sauer auf Murph. Er fühlt sich schuldig, weil er mehr Geld eingenommen hat als Murph ihm schuldete. Er ist einfach verrückt. Wahrscheinlich wird er für immer auf mich sauer sein, weil ich mal irgendwas gesagt habe. Es ist eine seltsame Stadt.

Wie groß ist Amherst?

Mascis: Amherst ist ungefähr, ich bin nicht sicher, vor 10 oder 20 Jahren waren es 15000 Einwohner und 30000 Studenten. Eine College-Stadt. Die nächste Stadt, Northhampton, hat 35000 Einwohner. Das ist das Zentrum der Region, wo die Leute zum Ausgehen hinfahren und wo Bands spielen. Da ist auch noch ein College. Kim und Thurston von Sonic Youth leben dort.

Kanntet ihr euch, bevor sie nach New York gingen?

Mascis: Ja. Jetzt leben sie da, wo ich wohne. Sie haben ein Haus gekauft. Es gibt eine kleine Musikszene um die beiden herum. Noise-Shows, wo 30 Leute hingehen, einmal die Woche oder so. Verrückte Shows. Und es ist die lesbische Haupsttadt Amerikas. Vor ein paar Jahren gab es eine Mediencampagne darüber in allen Zeitschriften und im Fernsehen. Amherst war eine Hippie-Stadt – als es noch Hippies gab. Es gab eine Menge Kommunen und so.

Waren deine Eltern da in der Szene?

Mascis: Die sind eher in den 50ern erwachsen geworden. Tony Soprano. Der erinnert mich an meinen Vater. Ein starker italienischer Charakter.

Ist er Italiener?

Mascis: Ja.

Also ist auch euer Familienname italienisch?

Mascis. Vermutlich, ja. Es gibt verschiedene Thoerien. Es könnte griechisch sein, oder italienisch. Er ist mehr so ein 50er-Jahre-Typ, alte Schule, weit entfernt davon, ein Hippie zu sein., Er war Zahnarzt. Die Kids an meiner Schule waren fast alle Kinder von Professoren. Eine sehr liberale, intellektuelle Gegend.

Du bist noch verheiratet mit der Frau aus Berlin. Pendelt ihr?

Mascis: Sie ist nach Amherst gezogen. Wir sind nur ab und zu in Berlin.

Hast du mal überlegt, da zu wohnen?

Mascis: Ja. Aber ich mag es nicht, die ganze Zeit in der Stadt zu sein. Ich meine, es ist meine Lieblingsstadt in Deutschland. Vielleicht irgendwann mal. Sie ist anpassungsfähiger als ich. Sie ist ziemlich zufrieden in Amherst.

aus Trust # 124

„Sie schauten mich an wie einen komischen Käfer“ – Nels Cline


Zuerst hörte ich Nels Cline auf den Solo-Platten von Mike Watt. Ganz unprätentiös spielte er markante Linien mit seinem charakteristischen singenden Ton, schuf harsche Schraffuren, schien beinahe alles zu können. Dann bekam ich durch Zufall zwei Alben seines eigenen Trios und eines mit Thurston Moore. Mehr Facetten wurden hörbar. Mit Moore improvisierte er frei, mit dem Trio ließ er fast nichts aus, was an Jazz aufregend war und sprengte überdies die Grenzen des Genres mit Leichtigkeit. Der nächste Kontakt waren die Geraldine Fibbers aus Los Angeles, auf die ich stieß, weil Carla Bozulich, ebenfalls auf Mike Watts erstem Solo-Album zu hören, dort sang. Wieder Nels Cline, diesmal in Rock mit ausgeprägtem Country-Einschlag. Danach suchte ich systematischer nach Musik von Cline, stieß auf frühe Jazzrock-Alben, fand ihn auf einer Platte von Wayne Kramer, bei fIREHOSE (wo er mir vorher nicht aufgefallen war, weil sein Beitrag ein 30-sekündiges Solo auf „Mr. Machinery Operator“ war), später dann kam ein Album von Scarnella mit Carla Bozulich, zwischen Improvisation und Songs, ein weiteres mit Schlagzeuger Gregg Bendian, auf dem die beiden „Interstellar Space“ von John Coltrane coverten. Wenig später hörte ich ihn auf Carla Bozulichs Version des Willie-Nelson-Albums „Red Headed Stranger“. Dann war er auf einmal bei Wilco zu hören und auf der elektrischen Neuinterpretation von „Ascension“ (wieder Coltrane) des Rova Saxophone Quartetts auf dem Album „Orkestrova: Electric Ascension“. Das war zu viel. Zwar sah ich Cline zweimal mit Wilco, aber was mich noch mehr interessierte, waren seine eigenen Projekte. Enter Wels. Für das 19. Unlimited Festival, kuratiert von Larry Ochs (Rova Saxophone Quartet) ebendort war eine Aufführung von „Electric Ascension“ angekündigt, mit Nels Cline, der auch noch in zwei anderen Formationen spielen sollte. Ich ergriff die Chance, sah und hörte ein Wochenende mit aufregender Musik und bat Nels schließlich zum Interview, wobei er sich als einer der uneitelsten und angenehmsten Typen entpuppte, die ich unter Musikern bislang getroffen habe.

Lange hat es gedauert, bis ich dich endlich mal mit deiner eigenen Musik gesehen habe. Wie kam, es überhaupt dazu, dass du jetzt bei Wilco spielst?

Ich traf Jeff Tweedy 1996. Ich spielte bei Geraldine Fibbers und wir eröffneten für Golden Smog, eine Band, die Jeff und Gary Louris und andere machen als ein Nebenprojekt. Gary spielt bei den Jayhawks, Dan (Murphy) von Soul Asylum ist dabei… Geraldine Fibbers mochten Jeff, Carla (die Sängerin der Fibbers) freundete sich mit ihm an. Und sie blieb mit ihm in Kontakt. Und wenn ich in Chicago war, haben wir uns manchmal getroffen und er hat mir Gitarren oder Verstärker geliehen. Er ist ein sehr netter Typ. Dann schließlich spielte ich in einer von Carlas Bands, wo sie ihre eigenen Sachen spielte, vor drei Jahren. Wir spielten mit Wilco und ich traf sie alle wieder. Ich denke, dass sie über die Zeit, und besonders wegen dieses Gigs, den sie gehört haben, aufmerksam auf mich wurden, zumindest Jeff. Als Leroy Bach die Band verließ, haben sich Jeff und Glenn Kotche (Schlagzeuger bei Wilco) wahrscheinlich gedacht, mich zu fragen. Ich brauchte was neues. Ich war sehr beschäftigt, und ich war pleite. Und es stellte sich als sehr viel mehr Spaß heraus als ich gedacht hatte.

Du hast nicht auf der letzten Platte gespielt, aber bist kurz danach eingestiegen.

Genau, aber wir haben ein Doppel-Live-Album gemacht und dann haben wir angefangen, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen.

Bist du jetzt ein volles Bandmitglied in dem Sinne, dass du auch am Songwriting beteiligt bist? Das ich mir interessant vorstellen…

Nun, das hoffe ich., Bis jetzt könnte es schockierend sein, weil alles ziemlich normal ist. Wirklich normal. Wir werden sehen, was passiert, wenn alles gesagt und getan ist, wie man sagt.

Das erste Mal habe ich dich auf Mike Watts „Ballhog Or Tugboat“ gehört. Danach versuchte ich deine Sachen zu kriegen.

Nicht so leicht, nicht wahr?

…dann war ich überrascht über deine alten Platten wie „Angelica“ und „Quartet Music“. Da dachte ich, du hast wahrscheinlich als relativ normaler Jazz-Gitarrist begonnen…

Ich habe als Rock’n’Roll-Gitarrist angefangen. Aber „Angelica“ war als ruhige Platte geplant und es sollten Platten darauf folgen, die zusammen eine Geschichte erzählen sollten. Die hat es nie gegeben, und ich habe dann gleich mit dem ersten Album meines Trios weitergemacht, dem nächsten Album auf Enja Records. Aber ich glaube, dass diese Platten vergriffen sind, zumindest in den USA. Ich sehe sie nie. Ich begann in den späten 60ern…

Wie alt bist du?

Ich bin 49.

Oh! Du siehst jünger aus.

Yeah, i get away with murder, hahaha. Im Ernst. Ich habe einen Zwillingsbruder (Alex), der Schlagzeuger ist, und wir standen sehr auf alle mögliche Rock- und Pop-Musik. Ich hörte die Byrds, die Stones, viel Psychedelic Rock, Love, die Seeds. Später stand ich sehr auf Bluesrock-Bands wie die Allman Brothers, Johnny Winter, ich liebe das erste Free-Album, Humble Pie, all das Zeug. Ich stehe auf frühe Humble Pie, der Gitarrist, Peter Frampton war toll, einer meiner größten Einflüsse. Er verlor später seine Persönlichkeit an der Gitarre. Buffalo Springfield und so weiter, was alles relevant ist für das Spielen bei Wilco. Ich spiele da Lapsteel (die typische Coun try-Steelguitar) und was auch immer erforderlich ist. Und Jeff spielt jetzt mehr Leadgitarre, was er gern macht, und ich liebe es, wie er spielt. Er war sehr zurückhaltend vorher, und jetzt fühlt er sich freier, denke ich. Jedenfalls: Als Glamrock kam, verlor ich das Interesse an Rock und interessierte mich für Jazz, vor allem John Coltrane, später fuhren mein Bruder und ich auf AACM ab, den Loftjazz…

Du hast aber in LA gelebt.

Ich lebte da, bin dort geboren, aufgewachsen, mein Vater wurde dort geboren. Es ist eine echte LA-Geschichte. Später hörten wir Progressive Rock und Jazz. Jazzrock elektrischer Jazz und der ganze Free Jazz. So kam es zu meiner verrückten Dichotomie.

Als ich die ersten Lifetime-Platten hörte, erinnerte mich das an dich.

Ich bin sehr davon beeinflusst. Ich habe vor ein paar Monaten übrigens endlich John McLaughlin getroffen, zum ersten Mal. Und ich musste ihm für seine Musik danken und ihm sagen, dass – for better or worse – ich eine Menge seiner Ideen auf der Gitarre gestohlen habe. Und er war sehr nett und sagte: Wir sind alle Diebe. Aber im Ernst, jemand hat mal zu mir gesagt: Ich frage mich, wie du spielen würdest, wenn du nie John McLaughlin gehört hättest. Tja, zu spät… John McLaughlin und Jimi Hendrix haben mich wohl am stärksten beeinflusst. Und Roger McGuinn von den Byrds, Richard Thompson, solche Typen. Neil Young.

Wie kamst du aufs Cover vom Guitar Player?

Keine Ahnung. Ich dachte, es sein ein Witz, ein Streich, als sie mich anriefen. Was mich draufbrachte war Wilco. Aber es stellte sich heraus, dass das nur der Aufhänger war. Denn die Leute beim Guitar Player wussten alles über mich. Aber wenn du jemanden wie mich aufs Cover nehmen willst, müssen die Business-Leute okay sagen, und als sie Wilco aufs Cover nehmen konnten, sagten sie okay. Aber ich denke, langfristig wollen sie auch ab und zu jemanden aufs Cover nehmen, von dem sie denken, dass er mehr Anerkennung verdient, anstatt jemanden, den jeder kennt. Ich war also Teil eines Experiments, das anscheinend okay ging, denn es gab drei oder vier Leute im Jahr auf dem Cover die weniger bekannt sind. Es war jedenfalls ihre Idee. Ich war ziemlich geschockt. Ich muss zugeben, dass ich mich gefreut habe, denn mein Vater war Guitar-Player-Abonnent. Als das Magazin begann, bekam er es die ersten zwei Jahre, weil er Folkgitarre in der Abendschule lernte. Meine Eltern waren Lehrer. Mein Vater wollte ein paar Akkorde auf der Gitarre lernen. Er besorgte sich also eine Nylon-Saiten-Gitarre. Er ist derjenige, der mir meinen ersten E-Akkord zeigte, hahahaha… Ich habe das Heft in den frühen 70ern viel gelesen. Heute nicht mehr so sehr. Aber es war aufregend und seltsam, hahahaha…

In meinen Kreisen waren solche Magazine immer verrufen. Sowas hat man nicht gelesen.

Der ultimative Grund, dass solche Magazine existieren ist, dass sie Equipment verkaufen. Sie haben so viele Anzeigen, die könnten sonst nicht existieren. Ich sehe aber nichts Falsches an diesen Magazinen. Ich habe nie die Übungen gemacht, aber ich habe die Kolumnen gern gelesen, wo Leute über Studio-Sessions geschrieben haben. Tommy Tedeschos Studioberichte waren toll, er hatte einen extrem trockenen Humor. Ein andermal schrieb John Fahey eine Kolumne, die offensichtlich absichtlich wahnsinnig war, sehr abstrus, Teile davon waren in Deutsch, glaube ich. Sehr bizarr. Ich hab das noch irgendwo. Ich liebe John Fahey, aber es war auch einfach so bizarr. Und da war es – im Guitar Player. Er war schwierig, glaube ich. Wir haben uns später angefreundet, und er war ein wirklich cooler Typ. Ich war sehr traurig als er starb.

Wie bist du an Mike Watt gekommen?

Seltsamerweise war es nicht, weil ich ein riesiger Minutemen-Fan war, was ich war, aber ich hatte damals nie mit ihm gesprochen. Ich habe nur einmal was zu ihnen sagt. Ich spielte mit Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, der Westcoast Version. Und wir hatten ein Konzert mit den Minutemen in einem Gitarrenladen in Santa Monica. Und sie mussten wirklich lange auf ihren Soundcheck warten, weil Charlie nicht auftauchte. Wir waren endlos auf der Bühne, während sie warteten. Ich spielte Konzertgitarre und als der Soundcheck vorbei war fragte ich sie: Werdet ihr heute Abend „West Germany“spielen? Und sie schauten mich an wie einen komischen Käfer und dann schauten sich sich an und sagten: Vielleicht. Sie haben es dann gespielt. Dann, Jahre später, als es fIREHOSE schon eine ganze Weile gab, drifteten Watt und ich in die gleiche Sphäre durch einen gemeinsamen Freund, einen Mann namens David Crouch, der den Rhino-Records-Laden betrieb, wo ich jahrelang gearbeitet hatte. Und auch Thurston Moore war eine Connnection. Wir kannten uns, weil er manchmal in den Laden kam und ich ein großer Fan seiner Musik un der von Sonic Youth war. Später nahmen wir Platten zusammen auf, aber das kam wiederum durch Watt. Er brachte uns zum Spielen zusammen. Ich war ein psychotischer Sonic-Youth-Fan, das muss schon ziemlich lästig gewesen sein. Als bekannt wurde, dass Mike fIREHOSE auflöste und nach Leuten suchte, um seine Musik zu spielen, schlugen mir David und Thurston vor, ihn anzurufen. Ich wurde auch gefragt, auf dem fIREHOSE-Album „Mr. Machinery Operator“ zu spielen, wo ich ein Solo spiele auf einem Instrumental. Dann fragte ich ihn, ob er den Gefallen erwidern und auf meiner nächsten Single spielen wolle. Der Bassist meines Trios war ausgestiegen, Mark London Sims, wir hatten eine Seite einer Single aufgenommen und ich fragte Mike und er tat es. So begann es. Der Schlagzeuger in meinem Trio, Michael Preussner, spielte nachher mit Watt, das Trio hieß The Crew Of The Flying Saucer, die Band die nach Ballhog auf Tour ging, nach den Sachen, die er mit Eddie Vedder machte. Er ging mit Eddie Vedder auf Tour, dann holte er die Foo Fighters und verschiedene andere Leute. Wir machten zwei Touren, zwei Schlagzeuger, Gitarre und Bass. Mick Rooney, Preussner, ich und Watt. Wir machten eine Aufnahme mit der Band für eine Rock’n’Roll-Weihnachtsplatte, wo wir „Little Drummer Boy“ spielten. Watt und ich spielen immer noch zusammen in einer Band namens Banyan. Die neue Platte „Live at Perkins Palace“ ist das einzige , was wirklich nach dem klingt, was die Band für eine Zeit war. Stephen (Perkins – Jane’s Addiction) machte eine zweite Platte mit verschiedenen Leuten, wo ich nur auf zwei Songs spiele. Aber die erste Platte war nur Improvisation mit Strawinskys „Rites of Spring“ (für Frankophone: „Le sacre du printemps“) in unseren Kopfhörern. Das mache ich immer noch mit ihm. Er sagte er habe ein paar Ideen für mich. Mal sehen.

Was macht er jetzt?

Du kennst „The Secondman’s Middle Stand“? Er macht noch eine Platte mit dem Schlagzeuger, der mit ihm auf Tour war, ein junger Schlagzeuger aus San Pedro. Und danach weiß ich nicht. Er sagt, er habe eine Platte für die Black Gang, das sind ich und Bob Lee am Schlagzeug. Wir haben eine Single auf Kill Rock Stars gemacht, wo er zu hören ist. Er ist ein toller Schlagzeuger aus LA.

Wann haben die Fibbers sich aufgelöst?

Das war Anfang 1998.

Und warum?

Oh Gott, warum… Im Grunde genommen war es so: Die Band tourte die ganze Zeit und es ging nicht voran. Ich denke, das verursachte Stress zwischen den Bandmitgliedern, vor allem zwischen zweien, die sich nicht verstanden haben. Dann hat uns das Label fallen gelassen und das Management. Es war ein großer Deal, aber wir haben nur wenig verkauft. Als uns das Label fallen ließ, ließ uns auch das Management fallen, und ich denke, das war der Punkt, wo die beiden nicht mehr wollten. Carla wollte noch eine Platte machen mit einer ganz anderen Band und es die Geraldine Fibbers nennen, aber ich habe gesagt: Das kannst du nicht machen. Ich war wie Mike Watt. Aber ich denke, sie bereut, dass sie das nicht gemacht hat. Sie wollte immer eine Platte machen, wo ich mehr Songs mit ihr schreibe. Aber wir haben eine Platte zusammen gemacht, Scarnella, das ist eine unserer Lieblingsplatten. (Er ist überrascht, dass das Album kenne) Wie hast du davon gehört? Niemand kennt das.

Da du all diese unterschiedlichen Sachen machst, Free Jazz, Country, Wilco… Was ist deine Lieblingsform des Ausdrucks?

Oh Mann… Ich muss zugeben, ich mag es sehr, mit meinem Trio, den Nels Cline Singers zu spielen, es ist meine Musik, hahaha. Ich mag es, wenn ich meine eigene Musik spiele. Aber ich habe nicht unbedingt ein Lieblingsding. Heute werde ich improvisieren mit diesem Trio, dass ich gegründet habe, aber nicht führe (ein tolles Trio mit Tom Rainey und Andrea Parkins). Sie sind zwei meiner Lieblingsmusiker und ich liebe es, wie wir zusammenspielen. Ich denke, wenn ich Wilco mache und – ich spiele nicht viel mit Carla dieser Tage – improvisieren kann und meine eigene Musik spielen, bin ich ziemlich glücklich mit allem. Wenn ich nur eine Sache machen würde, wäre das wohl meine eigene Musik, aber ich sehe nicht, dass es jemals möglich sein wird, damit zu überleben. Jetzt tue ich einfach was ich kann.

Was ist mit Europa. Niemand kennt dich anscheinend hier…

Wahrscheinlich, weil ich kaum hier war. Ich kam in den 80ern mit Julius Hemphill und spielte mit ihm, Alex, Stuart Liebig, Bill Frisell und ein paar anderen. Wir machten drei Touren zwischen 1984 und 1986. Danach war ich nur hier mit Mark Isham, ein Trompeter und Filmkomponist aus LA. Deswegen kennt mich niemand hier, weil ich nie hier war. Vor drei Jahren war ich mit den Nels Cline Singers da und wir spielten in Wels und Mulhouse. Ein Jahr später spielten wir in Amsterdam, Italien, so viel wir konnten. Und das Geschäft war wirklich nicht gut. Es war sehr hart. Ich hatte dann einen Agenten hier, und er versuchte uns zu buchen und unsere ganze Tour löste sich in nichts auf. Es gab einen Gig oder so. Er ist ein sehr guter Agent und ich war sehr entmutigt. Dann kam ich in den letzten beiden Jahren mit Wilco und es lief wirklich gut. Ich denke nicht, dass es irgendeine Schnittmenge zwischen Wilco und dieser Szene gibt, außer dir… Ich mache mir darum keine Sorgen. Ich möchte, wenn möglich, gern öfter rüberkommen, aber jetzt ist das einfach nicht drin, niemand würde zu den Konzerten kommen.

Was macht dich zum „gefährlichsten Gitarristen der Welt“ (ein Journalist schuf dieses brisante Etikett)?

Oh, dieses Zitat… Ein nettes Zitat, aber ich habe keine Ahnung… Ich kann das nicht beantworten. Es ist albern. Aber ich denke, er wollte Aufmerksamkeit erzeugen. Ich denke, es war „Interstellar Space“, das ihn dazu inspirierte. Und für viele Leute, die mich nicht kannten, … Das ist wahrscheinlich die Aufnahme, auf der ich am meisten Gitarre spiele, es ist „balls to the wall“. Darum ging es. Die Platte wurde live aufgenommen. Sie war ein ziemlich politisches Statement, mehr als eine Hommage. In der Zeit, wo Gregg Bendian und ich das Album gemacht haben, gab es ziemlich viel Revisionismus im Jazz, wo ziemlich viel Free Jazz und so genannter Avantgarde Jazz und Jazzrock aus der Geschichte herausgeschrieben wurden, und wir wollten ein Statement machen. Wir dachten, wir würden eine Menge Ärger kriegen, vor allem, weil es mit elektrischer Gitarre war, aber es lief wirklich gut, die Leuten mochten es und auch Rashied Ali (der Schlagzeuger, der auf der Coltrane-Platte spielt) mochte es. Er sagte dass er es gehört habe und es mochte.

Es könnte dir helfen.

Ich schätze. Ich kenne mich mit diesen Sachen nicht aus. Ich bin furchtbar darin.

Könntest du noch was zu der Orkestrova-Neuinterpretation von „Ascension“ sagen und wie sie sich zu der Version der Brüder Wynton und Branford Marsalis (die den erwähnten Revisionismus in der Jazz-Geschichtsschreibung wesentlich mittragen) von „A Love Supreme“ (wieder Coltrane, Abteilung Klassiker, wenn nicht gar die wichtigste Jazz-Platte aller Zeiten) sagen und dazu, dass es zurzeit eine Rückbesinnung auf diese klassischen Alben gibt?

Electric Ascension“ ist etwas anders. Ich schätze, die Marsalis-Brüder stehen auf das Original von „Ascension“, aber ich weiß nicht, ob sie diese Version mögen würden. Das ist meine Einschätzung. Ich lege nicht gern anderen Leute Worte in den Mund. Rova haben „Ascension“ schon einmal gemacht, allerdings nicht elektrisch, und es veröffentlicht. Die Idee diesmal war, herauszufinden, ob „Ascension“ noch „Ascension“ ist, wenn man nicht die so genannten traditionellen Jazz- Instrumente benutzt. Ich glaube, ich habe bei allen Aufführungen von der elektrischen Version gespielt. Letzte Nacht war am meisten Elektronik dabei und es gab zwei Kontrabass-Spieler statt einem elektrischen Bass. Es war verrückt, als sie mich fragten und Fred Frith (Legende! Henry Cow, Art Bears, Skeleton Crew mit Tom Cora, Naked City und etliche Projekte stehen in seinem Lebenslauf) spielte Bass und ich Gitarre. Ich dachte: Was ist falsch an diesem Bild? Denn Fred ist einer meiner Lieblingsgitarristen, ein großer Einfluss. Aber wir hatten viel Spaß . Es ist verrückt für mich, diese Sachen zu machen. Besonders „Interstellar Space“. Mein Bruder und ich spielten eine Live-Version von ein paar Tony-Williams‘-Lifetime-Sachen in LA, und die Aufnahmen scheinen zu zirkulieren, jeder scheint sie zu kennen, aber ich habe sie nie gehört. Ein Typ aus England rief mich an und wollte wissen, ob er das Zeug im Radio spielen könne. Er dachte, es sei eine reguläre Veröffentlichung. Es ist ein Bootleg. Es ist komisch an diesen Punkt zu kommen. Ich war gleichzeitig in zwei Electric-Miles-Davis-Tribute-Bands mit Henry Kaiser, Wadada Leo Smith und auch Mark Isham. Es war ziemlich seltsam. Ich musste irgendwie damit aufhören. Aber mit Rova ist es ganz anders. Es ist nicht nur ein freies Stück, sondern auch so neu erfunden. Ich denke es spielt direkt in meine Welt. Wenn ich eine Stärke habe, dann ist es, so etwas zu machen.

Ich würde da widersprechen. Nels Cline hat eine Menge Stärken. Für den ersten Eindruck lassen sich eine Reihe Stücke auf Nels‘ Homepage herunterladen: http://www.nelscline.com. Dort gibt es auch eine ausführliche kommentierte Diskographie aller Platten, auf denen Nels zu hören ist.

aus Trust # 119

Der zärtliche Zyniker


Nach Zärtlichkeit ist mir nicht unbedingt zumute. Nach Zynismus schon gleich gar nicht. Im Moment ist kaum Zeit, sich Befindlichkeiten zum Thema zu machen. Die Notwendigkeiten fressen mich auf. Deswegen – nicht, weil mir nichts einfiele – schiebe ich das Verfassen dieses Textes nebst anderem vor mir her, damit ich die essentiellen Dinge erledigen kann. An diesem Wochenende fiel einer meiner Termine aus, was überraschend entspannte Zustände ermöglichte. Ich, nicht faul, benutzte sie, um mich emsig zu reproduzieren. Und in ein paar Tagen bin ich diesem Irrenhaus für ein paar Tage entflohen. Dort wird es warm sein. Andalusia with fields full of grain / i have to see you again again / take me, spanish caravan…, singt Jim Morrison in meinem Kopf. Draußen ist Sommer, prall, herrlich, voller Menschen, die sich zumindest für ein paar Momente ignorant zu den Härten ihres Alltags stellen. Eis essen, nackich am See liegen, ein Bier am Mittag, ein törichtes Grinsen im Gesicht, glatt geneigt, einmal nicht die Konkurrenz im Privatleben fortzusetzen, zumindest kann es so erscheinen. Und ich will auch gar nicht darüber sinnieren, ob es vielleicht doch so ist. Doch als ich neulich nachts, eine dieser drei, vier, fünf warmen Nächte, die es in einem durchschnittlichen Bremer Sommer gibt, am Fluss entlang nach Hause ging, müde schon um Mitternacht (eine Freitagnacht), wusste, ich würde nur noch schlafen, und eine alte Liebe traf, der ich nun gar nicht mehr nachhing (wie ich erneut feststellte), machte ich den verheerenden Vergleich: Was wir damals sonst noch trieben, wie die Welt voller Möglichkeiten schien – nicht als Chancen gedacht, die dann eben nur allzu selten eintreffen – und in dummer kindlicher Überheblichkeit nicht einsehen wollten, dass es schon seinen Grund hatte, warum die meisten Menschen so elendig in der Tretmühle endeten, dass es keineswegs ihre mangelhafte, unterlegene Sicht der Dinge war, die sie dorthin verschlug, sondern eben genau die Möglichkeiten dieser Gesellschaft. Und jetzt: Mittendrin in der Scheiße, permanent Kalkulationen anstellend, wie dem gröbsten Elend zu entgehen wäre. Und dann das gelegentliche Jobangebot. Nachdem der den Verhältnissen geschuldete Mist bedacht ist – Was muss ich in meine Bewerbung schreiben? Mit wem habe ich es zu tun? Kann ich damit rechnen, dass nach der vorläufigen Frist weitere Beschäftigung möglich ist? Wenn nicht, erlaubt mir der Job, zumindest andere Jobs nebenher zu betreiben? Kann ich mich dem inhaltlichen Programm des Jobs gemäß verstellen, die entsprechenden Heucheleien leisten? – muss ich beinahe kotzen. Im Grunde ist das ja auch schlimmer noch als die mir gleichfalls Unwohlsein bis hin zur körperlichen Übelkeit verursachende Euphorie über die Erfolge der Deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft. Sehr witzig: Ein Typ sagt im Interview im Zusammenhang mit dem Begriff Patriotismus, das habe damit nichts zu tun, es sei doch völlig normal, dass man sein Land liebe. Und der fragende Journalist der taz, die das wissen wollte, fand schlicht gar nichts dabei. Ich habe mich dann gefreut, als Deutschland aus dem Wettbewerb flog, was allerdings auch nicht verhinderte, dass der dritte Platz weltmeisterlich gefeiert wurde, gleich bei mir um die Ecke, mit besoffenen Fahrern, denen die Polizei dies im nationalen Taumel durchgehen ließ. Und angeblich wurden sogar in der Roten Flora zu Hamburg – jenem Hort der political correctness – auf einem Konzert Punks gesehen, die schwarzrotgoldene Iros trugen. Und Wochen vorher am Hafenklang – ich wartete auf ein Interview – der Sieg gegen Polen auch von „der Szene“ bejubelt wurde. Es wird schon so sein, dass die Partei für die Nation nicht neu ist (und sie muss auch gar nicht den aktuellen Beschlüssen der Regierung gelten – sie soll auch schließlich viel grundsätzlicher sein, unabhängig von Tagespolitik, als Verbundenheit mit dem Staat, in den man nunmal ganz zufällig geboren wird und dem man per Staatsgewalt als Teil des Staatsvolks zugeschlagen wird), sondern jetzt eben den vermeintlich unverdächtigen Zweck (ist ja nur Sport, so lautet die lachhafte Behauptung, die dann doch nicht erklärt, warum Leute sich dann die Staatsfarben ins Gesicht malen) zum Anlass nimmt, um sich zu entblößen. Die Fahnen an den Autos sind natürlich nur der Ausdruck des Gedankens, nicht der Gedanke selbst.

Und nichtmal darüber habe ich den letzten zwei Wochen nachgedacht. Wenn ich aus Andalusien wiederkomme, erwarten mich wieder diese Kalkulationen, die einen glatt ins Irrenhaus bringen könnten, wäre man nicht schon da. Und dann bin ich wieder fort. Beschäftige mich mit etwas ganz anderem, habe mich in einer Laune dazu hinreißen lassen, mich als Künstler (!) zu bewerben bei einem Festival in Tabor. Wenn es danach etwas zu erzählen gibt, werde ich das tun. Und Tokyo – meine Güte, wie lange das her ist. Sushi und Kento’s mit den Oldie-Bands und ihrem Fantasie-Englisch und den Geschäftsleuten mit den gedungenen Bräuten, die mir ein Gespräch über Merkel aufdrängen wollten (deren Wahl ich in Japan erlebte, letztes Jahr im September), die englische Künstlerin, die im gleichen Haus lebte wie unsere Gastgeberin und meinte, sie könne aus den Energien an der Handfläche unglaublich entlegene Dinge über Menschen herauslesen, und unsere Gastgeberin, die uns schalkhaft den Kühlschrank öffnete und sagte, dies sei unser Essen, und dann die Tür an der anderen Seite öffnete – und das sei ihres. Die uns graubraunen Bohnenschleim auftischte, in dem sicheren Wissen, den europäischen Geschmack damit garantiert nicht zu treffen, was uns unmittelbar anzusehen war, während sich Fäden vom Napf mit dem Schleim zu unseren höflich verzogenen Mündern zogen. Das Verbeugen allerorten und diese schwüle Nacht in den wochenends zu Fußgängerzonen umfunktionierten Einkaufsstraßen nahe des Hauptbahnhofs, das irre Pulsieren dieser Stadt und die alten Tempel und Schreine mittendrin. Und ein Onzen, das traditionelle japanische Bad, nach Männlein und Weiblein getrennt, weshalb ich meinen deutschen Mitbaderinnen erzählen musste, wie die durchschnittliche Größe des japanischen Gemächts ist, was aber bekanntlich im nichterigierten Zustand unmöglich und deshalb uninteressant ist. Interessanter war, als einzige Langnase unter lauter Japanern zu sein (zugegeben, es mögen ein paar Koreaner darunter gewesen sein), deren Kinder mich neugierig beäugten, weil sie wohl noch nie einen Menschen mit so vielen Haaren am Leib gesehen hatten. Die heißen vulkanischen Quellen, die dirch verschiedene Pools und über Steinbänke liefen, der bestirnte Himmel über mir, ich sag euch, es war großartig. Koto-Musik plätscherte über die Szene und ich legte mich nach dem Bad auf eine Matte draußen und war umgehend entschlummert wie ein Baby, trotz des Geräuschs der verschiedenen Massage-Automaten, die die Menschen auf ihnen durchwalkten, dass es gar nicht gesund aussah, aber wahrscheinlich war… Es gäbe viel zu schreiben. Mal schauen, ob es irgendwann Zeit dafür gibt. Bis dahin werde ich darüber nachdenken, ob man nicht an den Voraussetzungen etwas ändern kann.

aus Trust # 119