Betonstraße (Tobacco Road)


Vorbei an den Haltestellen Hanfstraße und Betonstraße fahre ich einmal in der Woche in eine postindustrielle Tristesse, um dort zu arbeiten. Entsprechend ist es auch keiner dieser coolen, glamoureusen Jobs, die ihr alle da draußen macht. Es dauert eine halbe Stunde mit dem Zug und anschließend noch etwas mehr als eine halbe Stunde mit dem Bus, um zu meinem Arbeitsplatz zu gelangen. Es gab dort eine durchgehende Zugverbindung, aber das ist lange her. Da draußen gibt es auch nicht viel zu sehen. Ab und an fahren Leute zum alten U-Boot-Bunker, der seinerzeit von Zwangsarbeitern so verdammt stabil gebaut wurde, dass ihn auch die alliierten Bomben nicht zerstören konnten. Wer Beständigkeit sucht, wird hier fündig. Manchmal auch andere Leute, die dort im Schatten des Baus, wo seit ein paar Jahren im Sommer Karl Kraus‘ „Letzte Tage der Menschheit“ aufgeführt werden, Fememorde begehen. Ich war auch einmal des Nachts mit ein paar Freunden dort. Wir kamen in einem alten Trabant, den kurzzuschließen wir zu blöd waren, nachdem der Schlüsselinhaber bei ein paar Purzelbäumen den Schlüssel verloren hatte, der sich auch am nächsten Tage nicht wieder anfand. Nachdem wir jedenfalls am historischen Ort ein paar merkwürdige Dinge nonverbal geklärt hatten, mussten wir ein Taxi nehmen, um heimzukommen. Den Trabant schleppten wir ein paar Tage später wieder zurück in die Stadt, lackierten ihn um – in Blau mit einem runden weißen Fleck auf dem Dach – und schoben ihn durchs Quartier, währenddessen wir Handzettel für ein Festival verteilten. Danach wollten wir noch etwas erleben und gingen in eine dieser Bars, wo man auf Deckel trinken und jede Menge Leute treffen konnte. Ich hatte gerade eine Frau angesprochen und wollte sicherlich nichts Anständiges von ihr, als ein Freund auf die Idee kam, einen kleinen Trip nach Hamburg zu machen.
Besagter Freund kam nicht nur nicht in Hamburg an, er überlebte diesen Abend nicht, und der Rest von uns hatte zumindest nicht viel Spaß in jener Nacht. Eigentlich war es alles in allem verdammt knapp. Ab und zu fragt mich immer noch jemand, ob ich jüngst eine Schlägerei gehabt habe, was mich dann immer verdutzt, bis mir einfällt, was er oder sie meint: die Spuren, die mir geblieben sind. Ein paar Photos habe ich auch noch, die die Spuren frischer zeigen, noch verschorft, ich in heroischer Pose auf dem Wrack unseres Gefährts mich flegelnd, was der Schrottplatzbesitzer seinerzeit arg unanständig fand.
Die Frau, die ich an diesem Abend angesprochen hatte, sehe ich dann und wann auf der Straße, und sie weiß nicht, warum ich mich vor allem an sie erinnere. Eine Weile erinnerte mich auch noch ein Dauerauftrag, der mich in seinem Verlauf eine Menge Geld kostete, an diesen Abend, der mittlerweile ziemlich genau zehn Jahre zurück liegt, und auf ganz unerquickliche Weise damit zusammenhing. Und so ganz gleichgültig steht man so einer Geschichte vielleicht sowieso nie gegenüber. Dass ich mich eine Weile mit einem verquasten schlechten Gewissen diesbezüglich herumtrug, machte mir eine Freundin vor nicht allzulanger Zeit klar. Weil ich den Unfall selbst bewusstlos erlebte, erst zu mir kam, während ein Arzt mein Augenlied wieder zusammennähte, ich eigentlich immer lediglich vermittelt über die Erzählungen der anderen Beteiligten die Situation nachempfinden konnte – reflektiert höchstens noch über die Reaktion der anderen hinsichtlich meines eine Weile martialischen Äußeren, dessentwegen ich ernsthaft Schwierigkeiten hatte, eine neue Wohnung zu finden – fand ich auf eine Weise befremdlich. Keine Alpträume, kein Zusammenbruch, keine Schuldgefühle – außer vielleicht genau deswegen.
Dabei war es nun mal eben so. Neben den erwähnten Kosten war da im Grunde nicht viel mehr als die Befürchtung, es könne fortan problematisch sein, bei irgendwelchen Leuten im Auto mitzufahren. Deshalb stellten wir – ein Freund, der damals im gleichen Auto saß, und ich – uns nach unserer Widerherstellung an die Straße nach Italien, um uns diese höchst unpraktische Angst gar nicht erst anzugewöhnen. Es funktionierte, auch wenn der Impuls anfänglich unwiderstehlich war, an Fahrers Statt die Bremse zu treten und sich in Ermangelung eines entsprechenden Pedals auf der Beifahrerseite gegen das Bodenblech zu stemmen. Und mit der Zeit tat auch das Atmen nicht mehr weh, wie es das wegen einer Lungenquetschung noch ein paar Wochen getan hatte.
Gerade noch war ich auf meiner Festplatte unterwegs, um noch nicht verbratene und mitteilenswerte Gedanken zu finden – erfolglos. Bei der Sichtung einiger alter Texte fiel mir auf, dass mir manche Gedanken, die ich mir vor Jahren machte, mittlerweile einigermaßen seltsam vorkommen. Das ist nun nicht weiter vewunderlich. Frappierend war aber, wie stark das Bewusstsein davon, wieviel freier von materieller Sorge mein Leben eine Zeitlang war – ein Bewusstein, das ich als Wissen ohne Probleme auch jetzt jederzeit noch abrufen kann -, als ungebrochenes Empfinden aus manchen Texten spricht, was nicht gleich unbedingt für deren literarische Qualität spricht. Eher wohl daher rührt, dass ich mich mit den ganzen Notwendigkeiten, die permanent reproduziert werden, immer noch nicht abfinden mag, unverändert den Reiz darin ausmachen kann, auch wenn ich mittlerweile immerhin einmal in der Woche einen dieser Jobs mache, die ich nie hatte machen wollen – als ob es andere gäbe. Ich lebe damit, dass nun die Schulglocke auch für mich bisweilen wieder schlägt.
Genau zehn Jahre nach der Nacht, um die sich dieser Text rankt, spielen Youth Of Today in der Stadt. Sowas nennt man wohl einen Treppenwitz – oder auch nicht. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was dieser Ausdruck meint.
„May have come a long way, but i got a long way to go“, singt B.W. Stephenson, während ich so vor mich hin tippe, irgend so ein mittelprächtiger Country-Typ. Man muss nur ein paar alte Country-Platten auflegen, um mit massig Sinn versorgt zu werden. Danach kommt John Hartfords „Untangle Your Mind“, was immerhin ein guter Rat sein kann: „Relax or you’ll snap/ like a string in the strain/ without your umbrella/ go out in the rain/ just look in the treetops/ and let it come down/ and try and untangle your mind“ – das habe ich auch mal in einer längeren Geschichte einem Abschnitt vorangestellt, wie man das eben so macht.
Als nächstes ist dann Willie Nelsons „Yesterday’s Wine“ an der Reihe, und wer weiß, ob der alte Kiffer sich da nicht einen Wortwitz erlaubt hat, der auf der Klanggleichheit von „wine“ und „whine“ basiert. Der letzte Schluck von dem köstlichen Merlot geht an die paar Leute da draußen, die so etwas wie Freunde sind. Wir sehen uns hoffentlich bald.

(aus Trust # 101)

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