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Eine wechselvolle Geschichte – oder: Warum die Kirche im Dorf bleiben durfte…


Schon eine bemerkenswerte Geschichte: Da wurden früher Christen den Löwen vorgeworfen, später massakrierten sie selbst die Ungläubigen. Ihr Glaube wurde eines Tages Staatsreligion, noch später ließen es Päpste und Kaiser ordentlich krachen – untereinander wie gegeneinander – und schufen sich erstere einen eigenen Staat. Bei uns wiederum treibt eine demokratisch legitimierte Herrschaft per Steuer die Mitgliedsbeiträge für ausgewählte Glaubensvereine ein (andere gehen leer aus oder werden gleich verboten) und schützt die religiösen Gefühle seiner Untertanen, während ein Atheist ohne vergleichbaren Schutz – etwa vor Kirchengeläut – auskommen muss. Wie die Obrigkeit mit ihren gläubigen Untertanen und deren Vereinen umgeht, hat offenbar vor allem mit Politik zu tun.

Wissenschaft versus Toleranz
Dass manche Glaubensauffassung staatlich verfolgt wurde oder wird, hat eigentlich einen recht einfachen Grund: Der Fundamentalismus, der jedem Glauben innewohnt (jeder andere muss per se falsch sein, denn Wahrheit kann es nur eine geben), ist zunächst unkompatibel mit einem Staat, der ganz rigoros und unzweideutig seine Zwecke durchsetzt. In der Praxis hat dieser Widerspruch wie angedeutet verschiedene Verlaufsformen. Wie das zum Beispiel in einer Demokratie funktioniert, lernen die Pökse schon in der Schule: Ab Klasse eins wird im Fach Religion fleißig Schöpfungsgeschichte gemalt. Zugleich aber lernen die künftigen mündigen Staatsbürger und -bürgerinnen in Sachkunde, dass sich auf dieser Welt „the fittest“ durchsetzt. Dass sich diese beiden Vorstellungen von der Welt gegenseitig ausschließen, ist jedoch keine echte Diskussion und Klärung wert. Dafür ist es aber eine prima Einübung in Toleranz. Und Ausdruck der „Domestizierung“ von Religion. Denn deren Welterklärungsanspruch wird in letzter Instanz nicht ernstgenommen. Das mag einen aufgeklärten Menschen nicht weiter grämen. Dennoch scheint auch in unserer angeblich recht säkulären Gesellschaft das Nicht-wissen-wollen stark nachgefragt zu sein.

Glauben heißt nicht wissen
Dass es nach so unwahrscheinlichen Weltbildern wie dem des Christentums permanent und regelmäßig neuen Bedarf gibt, wirft kein schönes Licht auf die real existierenden Verhältnisse: Das Leben in einer Gesellschaft, die massenhaft einen Bedarf nach Sinnstiftung kennt, lässt allem Anschein nach deutlich zu wünschen übrig – man schaue sich nur an, was den Leuten so alles versprochen wird an Paradies und Glückseligkeit, so sie sich denn auf Erden anständig aufführen. Menschen, die den lieben langen Tag lang damit beschäftigt sind, fremden Zwecken zu dienen, haben offensichtlich ein Bedürfnis nach Trost. Da es aber derzeit nicht mehrheitsfähig ist, für die oft unerquicklichen Lebensumstände die konkreten politischen Verhältnisse haftbar zu machen, suchen sich die Insassen dieser und anderer Gesellschaften eine höhere Instanz, die für den wahrscheinlichen Fall des eigenen Ablebens Tröstlicheres bereitzuhalten verspricht, als ein modriges Grab und sonst nichts.

Ist meine Meinung
Mit ihrer speziellen Einschätzung der Dinge fallen Christen unter die Meinungs-, Glaubens- und sonstige Freiheiten, die die bürgerliche Gesellschaft ihren Bürgern und Bürgerinnen gnädig gewährt – sofern die damit keinen Unfug anstellen und sich anschicken, die Staatsräson zu unterwandern. Da kennt das Gewaltmonopol kein Pardon. Zum Beispiel komme bloß niemand auf die Idee, seine Kinder nicht zur Schule zu schicken, nur weil das nicht zum jeweiligen Glaubensprogramm passt. Da relativiert sich Gottes Gebot ganz flott. Und nicht einmal die rechtschaffen gläubige Tat braucht es zwingend, damit der Staat in Aktion tritt: Scientologen und Moslems geraten beispielsweise bisweilen allein aufgrund ihrer Vereinszugehörigkeit in die Bredouille. Ihnen werden recht schnell staatsfeindliche Zwecke unterstellt. Vor allem Moslems, vulgo: Fundamentalisten, wird gern unterstellt, dass sie in Wirklichkeit einem anderen Herrn dienen, was je nach Individuum noch begünstigt wird durch die in den Augen von Nationalisten und anderen Patrioten ohnehin schon problematische Tatsache, dass sie bisweilen eine andere Staatsbürgerschaft als die deutsche haben. Heißt im Umkehrschluss, dass die braven Christen, die tagein tagaus brav ihrer Erwerbsarbeit oder -losigkeit nachgehen, vor allem als das geschätzt werden, was sie sind: funktionale Bürger.
Und für deren Mitmachenwollen wiederum ist das Christentum eine formidable Sache. Denn dass der Christ brav, bescheiden und freundlich an seinem Ort (an den ihn der Herr gestellt) walten will und das irdische Jammertal ihm von höchster Stelle aufgeladen ist (Widerstand also zwecklos), bringt ihm die kirchliche Propaganda bei – die andernorts übrigens als Befreiungstheologie schonmal für ganz anders geartete Zwecke funktionalisiert werden konnte – und ist dem Staat ein Wohlgefallen, weshalb die Kirche nicht nur im Dorf bleiben durfte, sondern auch von Vater Staat in den Genuss einer Sonderbehandlung kommt und im Rahmen von Kirchentagen und anderer Festivitäten von der Politik hofiert wird. Die weiß, was sie von ihren Kirchen hat.

Kultur – was ist das eigentlich?


Ästhetische Abbildung der Wirklichkeit? Kritische Auseinandersetzung über die Welt? Sinnstiftung durch Künstler mit dem nötigen Gespür dafür, worum es wirklich geht oder doch zu gehen hätte?
Jeder, der etwas auf sich hält, sorgt sich um die Kultur, und auch der Staat leistet sich Minister und Etat dafür. Was also ist sie? Offenbar hat sie nicht viel mit dem Alltag zu tun, denn da dreht es sich um Dinge wie frühes Aufstehen, Arbeiten und davon auszuruhen – da capo al fine. Alles in allem recht unerfreuliche Dinge also. Kultur spielt sich eher außerhalb des Reichs der lästigen Notwendigkeiten ab. Ist sie also ein Luxus, den sich eine Gesellschaft leistet, damit das Leben lebenswert wird? Hat man sie also vielleicht deshalb so nötig, weil man in ihr findet, was man im Alltag nicht entdecken kann? Erbauung vielleicht? Das Gute? So wird es wohl sein, denn als Sinnstifterin wird sie allseits geschätzt. Doch nimmt sie als solche dann nicht eher eine antikritische Rolle ein? Wird nicht in der Sinnfrage nach Gründen gesucht, die hinter den „profanen“ Zwecken liegen, die in der Welt aus Herrschaft, Kapitalismus und Kriegen walten? Ist das nicht die Fahndung nach guten Gründen, mit der Welt seinen Frieden schließlich doch zu machen?
Die Herrscher dieser Welt haben diese Leistung kulturellen Treibens jedenfalls von jeher zu schätzen gewusst, sollte und soll doch der Glanz der von ihnen gesponserten Welt des Schönen und Kunstvollen auf ihre Herrschaft abstrahlen und sie erst ins richtige Licht rücken. Auf diese Weise können sich die von der realen Herrschaft Betroffenen an der Einbildung erbauen, dass sie Teil von etwas Höherem sind, das die damit verbundenen Opfer schon wert sein wird. Die Obrigkeit, die das Schöne praktisch in die Welt setzt, zum Beispiel über Theatersubventionen, Museen, Stipendien, Kunst im öffentlichen Raum und ähnliches, beantwortet dergestalt die nationale Sinnfrage, so dass sich ein Franzose über die Grande Nation ebenso freuen darf wie der Deutsche über das Land der Dichter und Lenker, pardon, Denker. Nationalität kennt Kultur also auch, und das nicht zu knapp. Wenn es in der Kultur darum geht, die Nation zu adeln, ist die nationale Vereinnahmung der Künstler noch die leichteste Übung. Wenn an ihnen festgehalten wird, dass sie Lichtgestalten der jeweiligen Nation sind, offenbart dies die Ignoranz gegen jeden bestimmten Inhalt der Künstler. Schließlich muss ja ein Volk, das so viele große Menschen hervorgebracht hat, etwas ganz Besonderes sein. Da wird noch ein Bertolt Brecht, seines Zeichens bekennender Kommunist, als großer deutscher Denker geschätzt. So kann man als Deutscher, Franzose oder Engländer schon stolz sein auf „seine“ Vergangenheit, in dessen Tradition man sich fühlen darf.
Und die Künstler? Die missverstehen den Zweck der Veranstaltung so gründlich, dass sie meinen, ohne sie ginge überhaupt nichts. Sie verwechseln das Interesse des Staates, sich mit einer nationalen Kunst zu schmücken, mit der Bedeutung ihrer Werke. Von der sind sie so überzeugt, dass sie die Anerkennung des Staates glatt einfordern, wenn der sie ihnen versagt, etwa wenn er aus haushaltspolitischen Gründen beschließt, sich ein Theater zu sparen. Bitter, wenn man so seinen Arbeitsplatz verliert, aber es steht zu befürchten, dass sie daran nicht nur materiell leiden.

Deutscher Eintopf oder Cuba Libre? Dr. Blohm und Herr Voss erörtern ein schweres Thema


Voss: Da haben sie uns aber eine Suppe eingebrockt, die so schwer und dick ist, wie die Eintöpfe meiner Lebensgefährtin, werter Blohm. Als ob ausgerechnet wir wesentliches über Nationalismus mitzuteilen hätten…
Blohm: In der Tat eine unangenehme Thematik, aber ich muss sie bitten, sich nicht immer auf die eigene Ignoranz herausreden zu wollen. Sogar der Staat verlangt nach mündigen Bürgern, und wenn schon die Schulpflicht sich zumindest unter anderem dem Ziel verdankt, solche herzustellen, können sie doch nicht behaupten, sie hätten mal wieder von nichts gewusst.
Voss: Sollen wir uns mit einem Transparent auf den Marktplatz stellen, um den Anfängen zu wehren?
Blohm: Keine Rede davon. Erstens ist es dummes Zeug, den Anfängen von etwas wehren zu wollen, das es schon und mindestens seitdem ununterbrochen gegeben hat, da Vater Blohm – Friede seiner Asche – mich zum Wählen geschickt hat, und zweitens glaubt ohnehin jeder aufrechte Demokrat, er würde in seiner Liebe zur demokratischen Heimat mit dem inkriminierten Pöbel nichts gemein haben. Diese moralische Entrüstung reicht dann schon, um sonst jeden Fug mitzumachen, den Vater Staat veranstaltet. Da wählen sie auch eine Partei, die einen Krieg immer noch für die ultima ratio der Staatszwecke hält, was er erstens auch ist, und zweitens geht das auch kaum anders, wenn man schon wählen möchte, hat sich der Gedanke der Einheitsfront doch selten eindrucksvoller manifestiert, als in der fraktionsübergreifenden Zustimmung zum letzten Krieg.
Voss: Aber wenn wir uns schon einig sind, dass die Sache Deutschland die unsere nicht sei, sollten wir daraus nicht Konsequenzen ziehen?
Blohm: Ja. Wir warten.
Voss: Worauf?
Blohm: Ich las, die Deutschen stürben aus.
Voss: Das werden sie wohl kaum erleben.
Blohm: Und meine Kinder auch nicht.
Voss: Aber sie haben doch gar keine Kinder!
Blohm: Manchmal ist es eben besser, nichts zu tun, um der richtigen Sache zum Sieg zu verhelfen.
Voss: Sie sind ein Defätist.
Blohm: Schön, dass unsere Bekanntschaft wenigstens eine gewisse Halbbildung bei ihnen bewirkt hat.
Voss: Schön, dass sie immer noch das alte Ekel sind. Aber ich habe noch etwas gelernt, und zwar von Lenin. Der hat bei jeder Gelegenheit gefragt: Cui bono? Das heißt soviel wie: Wem nützt es? Wem nützt es, wenn die Deutschen aussterben? Erklären sie mir, was gerade sie davon hätten?
Blohm: (betrübt) Ach, sicher gar nichts, werter Voss. Ich musste nur an Voltaire denken, der seinen Candid am Ende sagen lässt, es gelte „unseren Garten zu bebauen“. Ein Interpret wies darauf hin, dass Goethe im zweiten Teil des Faust zu dem gleichen Ergebnis kommt: Das „Laboremus“ als letzter Schluss von schlichtweg allem. Ich möchte einfach nicht dabei sein, wenn es am Ende doch wieder heißt: Lasst uns arbeiten! Franzosen scheinen keinen Deut klüger zu sein, als Deutsche. Wenn das also ist, worum es geht, bin ich lieber Defätist und lasse mir in meinem Garten von Frau Blohm ein paar eisgekühlte Cuba Libre bringen.
Voss: Eine wahrhaft rebellische Geste. Wie wär’s, wir fingen sofort damit an?
Blohm: Sie sind ein Mann ganz nach meinem Geschmack, auch wenn sie aus Hastedt kommen.
(Beide treten in herzlicher Umarmung ab)

Dr. Blohms Gespür für Kaffee


Die Legende sagt, der Eskimo kenne 37 Wörter Schnee. Abgesehen davon, dass ich auch ein paar kenne, von denen gewiss noch kein Eskimo etwas gehört haben wird, möchte ich darauf hinweisen, dass das noch gar nichts ist. Der Wiener kennt mindestens 38 verschiedene Vokabeln für Kaffee. Die Melange – von der es aber schon allein mehrere Sorten gibt, wie die Wiener Melange und die Kaisermelange -, der Einspänner und der Verlängerte oder Gestreckte sind vielleicht die bekanntesten. Ein kleiner Schwarzer, ein kleiner Brauner, eine Schale Gold, ein Maria Theresianer, Wiener Eiskaffee, Kapuziner, Pharisäer und was nicht noch gibt es außerdem, wobei zu betonen ist, dass der kleine Schwarze natürlich auch als Espresso oder Mokka ebenso wie als Türkischer oder Nussschwarzer bestellt werden kann, ohne dass die Service-Kraft dabei in Schwierigkeiten geriete, selbst wenn sie vielleicht in manchen Bezirken etwas pikiert dreinschauen mag. Auch einen Capuccino bekommt der Gast auf Wunsch serviert, ohne dass das Servierte mit einem Kapuziner identisch wäre. Einen Franziskaner, einen Meisterkaffee, einen Mazagran, einen Dunklen, einen Kaffee verkehrt, einen Gespritzten und eine Portion Kaffee kann der Wiener obendrein noch als eigenständige Versionen auseinander halten. Das sind zwar noch keine 38 Vokabeln, aber addiert man die insgesamt acht Melange-Varianten – mit Schlag, passiert, mit Haut, mit Haut und mit Schlag, ohne Haut und mit Schlag, ohne Haut und ohne Schlag etc. -, die es zumindest in besseren Zeiten gegeben hat, und Subspezies wie Doppelmokka und andere Bezeichnungen für verschiedene Darreichungsgrößen, ist man schnell nicht nur bereits vom bloßen Lesen stark infarktgefährdet, sondern auch bei über 38 Versionen. Zweifelsohne ein völlig nutzfreies Wissen, wohnt man nicht in Wien, aber dort…
Im halbzivilisierten Norden Deutschlands darf man indes schon froh sein, findet man ein Etablissement, in dem sie einen vernünftigen Capuccino servieren, ohne Sahne, dafür mit Milch und auf Grundlage italienischen Espressos zubereitet. Das in Wien obligate Glas Wasser zum Kaffee wagt man kaum zu erwarten. Lieber sollte sich der Bewohner Bremens mit den rund 88 Bezeichnungen für Regen vertraut machen, von denen im vierten Band der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Trilogie des zu früh verschiedenen Douglas Adams die Rede ist. Denn: Was wir begreifen wollen, davon müssen wir einen Begriff haben. Um von diesem Begriff sprechen zu können, muss dieser Begriff einen Namen haben. Ich frage Sie: Wäre es da nicht viel einfacher, sich einfach vom Regen gar keinen Begriff zu machen? Wieviel Ärger ersparte man sich? In der vakant gewordenen Zeit ließe sich womöglich an dem Angebot von Kaffespezialitäten tätig wirken. Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht vermittels der Umgestaltung von Sprache auch die zugrundeliegenden Verhältnisse auf den Kopf stellen können!
Her(r)zlichst, Ihr
Dr. Blohm

aus Zett, 06/2002

Als ich einmal sauer war…


schrieb ich in der taz bremen den Artikel „Die letzten großen pubertierenden Krieger“ mit der ziemlich bösen Unterzeile: „Freies Assoziieren auf dem theoretischen Hochseil“.

Der ging so:

In der nächsten Ausgabe von „Testcard“, einem halbjährlich erscheinenden Poptheoretikum, geht es um „Pop und Krieg“. Drei Beiträge zum Thema ließen sich am Freitag auf dem Magazinboden des Schlachthofs beäugen. Drei höchst unterschiedliche, ja, man sagt wohl „Ansätze“ dazu, wenn sich einem Thema von ganz verschiedenen Seiten genähert wird. Pop und Krieg – keine gar so abwegige Assoziation, schließlich geht es in allerlei Sorten Musik viel um Krieg. Vom simplen Marsch bis zum „Star Wars“-Thema, vom Edwin Starr-Klassiker „War“ bis zu den „Battle Hymns“ von Manowar. Patriotisch pathetisch, besinnlich nachdenklich, moralisch rechtschaffen – es gibt viele Wege, pardon: Ansätze, sich mit dem Krieg zu beschäftigen. Anscheinend wollen jedoch nur wenige wissen, was es eigentlich mit dem eigentlichen Verhältnis zwischen Krieg und Pop so auf sich hat. Vielmehr assoziieren sie einigermaßen willkürlich durch die Gegend. So fragt Hörspielautor Albrecht Kunze in seinem Text: „Sind Chillout-Zonen Schutzräume? Und wenn ja, wovor?“ Andere, wie Martin Büsser, betrachten die kapitalistischen Verhältnisse als dauernden Krieg, verwenden also den Krieg als eine Metapher, um etwas ihm wesentlich Fremdes zu beschreiben, oder suchen sich – andersrum – einen Gegenstand, der dem Krieg nur vermittelt zugehört, wie Johannes Ullmaier, mit Büsser Herausgeber des Testcard, der sich mit dem geräuschbesessenen Futuristen Luigi Russolo beschäftigte.
Hier wie da erfahren wir kaum etwas über den Krieg, mehr dafür über Pop und eine ganze Menge über die Methoden der sogenannten Poptheorie, die ohne die Annahme nichts ist, Kunst könne, je nachdem, gefährliche oder wünschenswerte Gedanken in die Gesellschaft tragen, die da ganz unbewusst aufgenommen werden und, je nachdem, Heil oder Unheil anrichten können, weshalb es dann auch nur einen einzig lotrechten, korrekten Musikgeschmack und viele bedenkliche Versionen davon geben muss. Johannes Ullmaier, mit Martin Büsser Testcard-Herausgeber, trug einen Text aus Luigi Russolos Buch „Die Kunst der Geräusche“ vor, in dem der italienische Futurist von der „wunderbaren und tragischen Symphonie der „Kriegsgeräusche“ schwärmt. Die manische Beschäftigung mit Wirkung und Ursache von Explosion, Ballistik und Konsorten, mündend in Russolos Versuch, mit Maschinen diese Klänge künstlich zu erzeugen, wirkte musikalisch wegweisend. Die Nähe zu faschistischem Gedankengut und der Patriotismus Russolos machen Ullmaier dann aber doch Sorgen der Sorte: „Darf ich diese Musik gut finden?“ Da stellt also einer fest, dass er ein Kunstprodukt mag. Aber da gibt es noch den Gehalt von Ideologie im abstrakten Klang, angenommen, jedoch nicht nachweisbar. Das Problem ist keines, es sei denn, man schreibt der Musik die Macht zu, brave Menschen mit dem Vorspielen von Riefenstahl-Videos zu Nazis werden zu lassen oder orientierungslose Adoleszenten vermittels des Tragens von Frauenkleidern zu allerlei Gesellschaftskritik zu bringen, wie Kurt Cobain, nach Büsser „vielleicht der letzte große pubertierende Krieger“. Ohne übrigens dabei zu klären, warum und wie denn nun eine Kritik am (hier:) Kapitalismus zu erfolgen habe.
„Das ist einfach nicht der Ort für diese Auseinandersetzung“, meinte Ullmaier in einer kleinen Debatte im Anschluss, und das heißt nun mal nur, dass an der Frage gegenwärtig kein Interesse besteht. Und sie wäre auch müßig, wenn es wirklich ein „preaching to the converted“ gewesen ist. Allerdings bleibt da immer noch der explizit politische Anspruch. Nur hats der eben nicht mit Kritik von Gesellschaft und ihren Verhältnissen, sondern will hier auf eine des Geschmacks hinaus, auch wieder nicht ohne mittendrin innezuhalten und abgesehen von den großen Bösen (Nazis! Krieg!) alles zu relativieren – als einen „Versuch“, als ambivalent. Und der verschworene Kreis der Leser, der sich natürlich selbst fernab jeglicher politischer Bedenklichkeit dünkt, darf in dem Wssen, die richtigen Platten zu hören, und sich überdies mal wieder ein paar „interessante Ansätze“ eingeschmissen zu haben, beruhigt wieder ans Bier setzen. Schade, ginge doch auch anders…

taz bremen, Oktober 2000

Zum allerletzten Mal


Die Popkomm ist wie Weihnachten – nur harmonischer. Nur Blohm und Voss waren sich in Köln nicht einig.
Voss: (gereizt) Sie erzählen mir jedes Jahr mit einem kaum zu übersehenden Ausdruck der Verachtung um den Mund, dass es eigentlich doch auf der Popkomm nur darum gehe, sich möglichst billig zu betrinken und den Eindruck zu vermeiden, man gehöre zu den anderen Wichtigtuern mit Handys, und was tue ich hier? Ich soll ihnen über Handy mitteilen, ob am Stand irgendeines Musikmagazins wirklich ein gewisser Blumfeld gesichtet wurde… Na, dann eben Distelmann… Was für ein Autogramm? Moment, ich habe kein Netz…
Blohm: Verflixt, dieser Simpel wird noch durch sein Ungeschick verhindern, dass wir ein Autogramm von einer echten Prominenz bekommen… Ich werde ihn am Jägermeister-Stand suchen.
(Dort probiert sich Voss durch die Palette der angebotenen Mischungen)
Voss: (zieht Blohm vertraulich heran) Sie müssen mir helfen, diese Gläser nach draußen zu bringen.
Blohm: Haben wir nicht Wichtigeres zu tun? Haben sie schon ein einziges Panel besucht?
Voss: Nicht nötig, es kam zu mir.
Blohm: Wie darf ich das verstehen?
Voss: So ein Herr, der meinte, er sei vom Panel…
Blohm: Herrjeh, ich meinte Diskussionsveranstaltungen, aber immerhin sind sie auf eine der seltenen Spuren bremischen Wirkens in diesem Babel gestoßen.
Voss: Wer ist eigentlich dieser Distelmann, von dem sie sprachen? Auch ein Bremer?
Blohm: Nein, er kommt aus Bielefeld, wohnt aber nicht mehr dort. Außerdem heißt er Distelmeyer. Er steht für die vielen, die aus der Provinz in die Metropolen gingen.
Voss: Nur aus Bremen ist niemand dabei.
Blohm: Sie irren. Schonmal vom Elektrochemie LK gehört? Nominiert für den Viva Comet Award. Gewonnen hat er nicht, aber immerhin soll er groß in Japan sein. Und FlowinImmo wurde ebenfalls an exponierter Stelle gesichtet. Ein Bremer.
Voss: Wir sind schließlich auch aus Bremen.
Blohm: Vielleicht sollten wir uns selbst Autogramme geben.
Voss: Selbstfeier scheint hier ohnehin Primärtugend zu sein.
Blohm: Sogar Dieter Gorny lässt sich durch nichts davon abhalten, die Messe zu einem Erfolg zu reden. Dabei ist deutlich weniger los, als im letzten Jahr. Seltsam…
Voss: Stimmt. Obwohl in den letzten Wochen jeder Dritte gesagt hat, dieses Jahr sei er bestimmt nicht dabei, sind sie doch alle da.
Blohm: Das ist wie Weihnachten, wenn alle Welt alle Jahre wieder steif und fest behauptet, man werde sich dieses Jahr nichts schenken.
Voss: In Familien führt das fast zwangsläufig zu den schönsten Scherereien.
Blohm: Möglicherweise die zentrale Erkenntnis aus der Popkomm: Die virtuelle Familie, die sich jährlich hier trifft und in willenlos-williger Ignoranz über alle tatsächlichen Konkurrenzverhältnisse hinweg spätestens zwischen Mitternacht und Morgengrauen auf der Luxemburger Straße ins Nirvana trinkt, ficht ihre Konflikte gerade nicht an den höchsten Feiertagen aus, wie es die reale Familie regelmäßig tut.
Voss: Was hat das mit Musik zu tun?
Blohm: Was hat die Messe mit Musik zu tun?
Voss: Dieter Gorny hat gesagt…
Blohm: Was hat der mit Musik zu tun?
Voss: Sie kommen doch auch jedes Jahr wieder.
Blohm: Um mit ihnen mal ganz ungestört Spaß zu haben. Mein Genörgel ist sowohl außer sich selbst völlig wirkungslos wie ein Teil meines Spaßes.
Voss: Womit sie zu einer alles andere als kleinen Minderheit gehören, die einer unwesentlich größeren Mehrheit gegenüber steht, die sich allein dadurch unterscheidet, dass sie sich vorbehaltlos amüsiert oder in besinnungsloser Geschäftigkeit zwischen Meeting und Besprechung ergeht, was auch nur das Besondere im Allgemeinen ist.
Blohm: Sie hören sich an wie ich…
Voss: Ihr Schlussmonolog vom letzten Jahr, bevor er in ein nassforsches „Voss, wir wollen uns nun amüsieren!“ mündete…
Blohm: Nächstes Mal bleibe ich jedenfalls zu Hause!
Voss: Ich werde uns schonmal einen Messestand reservieren…