DIE VERDAMMTE DULDSAMKEIT DER OPTIMISTiNNEN


Eine Bekannte schrieb gerade aus San Francisco, dass es auch dort grau und kalt sei. Und hier, draußen im Park hatten die stehenden Gewässer zwar schon angefangen zu rotten und entsprechend zu stinken als hätte es Hitze, aber auf den Wegen tummelten sich Nacktschnecken in einer Häufigkeit, die seit dem Frühling nicht mehr der Fall war. Nicht wenige dieser Schnecken hatten ihr jämmerliches Schneckenleben bereits ausgehaucht, falls Schnecken überhaupt hauchen können, und lagen, ihre Gedärme vergleichsweise großzügig auf mehrere Quadratzentimeter Wegs verteilt, matschig umher. Vermutlich hatten sadistische Halbwüchsige die Viecher auf dem Gewissen, oder, wahrscheinlicher noch, rücksichtslose Radler, die sich auf ihren zwei Rädern ohnehin wie die Könige der Parkwege aufführten, wobei sie sich zu allem Überfluss auch noch moralisch über Autofahrer zu erheben pflegten. Heute waren zum Glück nur wenige Menschen im Park unterwegs. Es war nun auch wirklich nicht eben das heiterste Vergnügen, entlang der vom Regen vor ein paar Stunden immer noch matschigen Wege zu streifen und die schüttere Abendsonne zu suchen. Da, wo sie zu sehen war, hatten sich auf sämtlichen verfügbaren Bänken bereits Menschen gefunden, die mit verklärtem Gesicht noch ein paar Strahlen zu erhaschen suchten, wie sie selbst es vielleicht nennen würden.
Wir hatten Mitte Juli, fast auf den Tag genau, und draußen sah es aus wie Ende September. Dass es in San Francisco nicht viel anders aussah, konnte da auch nicht allzuviel reißen. Dazu kam, dass auch ansonsten die Lage nicht eben dazu angetan war, Bocksprünge aus schierem Wohlsein zu vollführen. Nicht, dass etwa irgendwelche sonderlich ungewöhnlichen Härten auf die Agenda getreten wären. Aber die gewöhnlichen taten ihre Wirkung schließlich auch – auf ihre unverdrossene, gewohnte Art. Und dass das schon die gewöhnlichen waren, war genau genommen eigentlich ja auch alles andere als erfreulich. Sich dann auch noch mit Leuten zu unterhalten, die schlichtweg nichts Besseres zu tun hatten, als ihre Notwendigkeiten „Chancen“ zu nennen, war in meiner Stimmung ganz besonders unerquicklich. Mal im Ernst: Zu behaupten, der bloße und kaum fort zu ignorierende Zwang, sich mit vermittels irgendwelcher Jobs am Kacken zu halten, eröffne gewissermaßen eine hervorragende Möglichkeit, just dieses zu tun, übersieht nicht nur, dass diese Chance gleichzeitig für gewöhnlich auch die einzige Chance für diesen Zweck ist, sondern spricht dem, was sonst so als Chance verstanden wird, Hohn. Laut Duden ist eine Chance schließlich und immerhin eine „günstige Gelegenheit“. Und wie günstig kann schon eine Gelegenheit sein, die da gar keine Alternative kennt?
Neulich, auf dem Flohmarkt Miles Davis‘ „Filles de Kilimanjaro“ für 15 Mark mitzunehmen, mochte eine „günstige Gelegenheit“ gewesen sein. Aber mit Blick auf die Nötigung, sogar für die allernotwendigsten Lebensmittel ein paar Mark auf den Tisch legen zu müssen, ganz grundsätzlich von Chancen zu reden, ist einigermaßen absurd.
Ein solcher Optimismus ist überdies auch noch einigermaßen unangreifbar, da er schließlich auf einem Willensakt beruht, der sich ganz wissentlich davon verabschiedet hat, die Verhältnisse einmal als das zu nehmen, was sie sind. Welche Konsequenzen ein jedes daraus zieht, ist ja sowieso eine andere Geschichte, aber zu der kommt ein Optimist nicht erst. Er besteht darauf, dass erstens die Möglichkeit, zweitens das denkbare Schlechtere und drittens ganz überhaupt die Unzufriedenheit, die aus dem potenziellen Zustandekommen eines negativen Urteils erfolgen könnte, Gründe genug abgeben, die jeweils zur Debatte stehende Sache grundsätzlich lieber gleich positiv zu sehen. Und dann komm‘ mal so jemandem damit, etwaige Unzufriedenheit mit diesem und jenem zu konstatieren! Vergiss es – damit machst du es nur noch schlimmer.
Wer bei der Feststellung seines Befindens so gründlich von seinen Bedürfnissen absieht, lässt sich mit zwingender Logik ja nicht von Kleinigkeiten wie materiellen Bedürfnissen irritieren. Nicht nur, weil es mit deren Umsetzung schließlich stets noch bescheidener aussehen könnte, nein, weil materielle Bedürfnisse auch den Makel des Profanen tragen, denn es gibt ja schließlich noch „mehr als wie Geld auf der Welt“, so lautet der Befund, mit dem sie so recht haben, dass sie anscheinend gar nicht mehr wissen, wie sehr ihre Feststellung den Tatsachen entspricht. Sie tun damit schließlich glatt so, als sei ihnen gar nicht aufgefallen, dass sie mit dem Geld, dass sie in all‘ den tollen Jobs so verdienen – was ja in ihren Augen auch wieder so eine schätzenswerte Sache an diesen Jobs ist, und noch nicht einmal die einzige – sich immerhin so viele jener verachteten materiellen Bedürfnisse befriedigen, dass am Ende meist nichts mehr vom schnöden Mammon übrigbleibt. Ist das nun verlogen oder ignorant?
Und das berührt noch gar nicht die immateriellen Bedürfnisse, für die man in einem Land wie diesem für gewöhnlich ja auch noch mal eine schöne Stange Geld los wird. Womit wir wieder bei Miles Davis wären.. Oder ist das etwa schon wieder mein Materialismus, der sich regt, wenn ich mich an Tony Williams‘ verdrechselt pulsierendem Spiel erfreue? Oder, um ein weniger profanes Beispiel zu wählen (ich habe übrigens gegen Materialismus hier gar nichts gesagt), ist es dieser verächtlichen Regung geschuldet, dass ich die stumpfe Verrichtung von Erwerbsarbeit kürzlich für einige Tage dagegen vertauschte, mit einigen äußerst liebenswürdigen Menschen durch die norddeutsche Tiefebene zu fahren und meine Klausur am heimischen Schreibtisch, an dem jetzt auch das hier entsteht, zu unterbrechen, dieses oft so auslaugende Hocken und Zeilenschinden, das bisweilen sicher auch Spaß macht, was dann wieder von Optimisten so gnadenlos zur Chance umgedeutelt wird, weil es ja angeblich meinen Neigungen entspricht, dieses Hocken und Zeilenschinden also… Dass ich es eingetauscht habe gegen Spaziergänge in strömendem Regen, gegen das Herumsitzen auf einer Treppe, die hinterrücks an einem der Clubs angebracht war, in dem besagte liebenswerte Menschen am Abend Musik gemacht hatten, gegen das Trinken und Rauchen auf dieser Treppe bis die Sonne aufgegangen war, gegen ein ausgelassenes Tänzchen zu Gene Pitneys „Lonesome Town“, nachdem mein Verstand schon Schlafen gegangen war, gegen verkaterte Frühstücke und andere merkwürdige Bekanntschaften?
Den Preis dafür auszurechnen habe ich mir erspart. Das hätte den in diesem Falle zuvörderst ideellen Gewinn beschränkt, aber auch der war schließlich zuschlechterletzt zu erkaufen. Nicht nur, dass das, was die ganzen Gründe dafür abgibt, sich mit all‘ den Unannehmlichkeiten abzugeben, nicht selten auch mit matt klingender Münze zu entlohnen ist. Auch die Dinge, die zur Ausnahme einmal nicht mit einem Preisschild ausgezeichnet sind, lassen sich nicht so eben von dem trennen, was da ganz nackert als Konsequenz einer auf Privateigentum basierenden Volkswirtschaft im Wege steht. Es hat wahrscheinlich auch mit den Folgen zu tun, die recht willkürlich mit dem biologischen Lebensalter verknüpft werden, dass sich in meinem Bekanntenkreis allerlei Beispiele dafür finden lassen. Nicht, dass sich in meinem Fall allzu viele Fälle finden ließen, die sich für die nächsten Jahrzehnte in Fabriken würden ruinieren müssen. Auch die, die sich in den privilegierten, in gewissen Kreisen durchaus begehrten Berufen, wie dem des Arztes, Anwalts oder Lehrers, ihr Vollkornbrot verdienen würden, gaben nicht gerade Grund ab, dass die zu erringenden Lorbeeren süße Früchte, die zu pflücken ein reines Vergnügen wäre. Was würde schon noch übrig bleiben, nachdem die unbezahlten Überstunden abgerissen, die Ärsche durchkrochen, die vor einem Platz an der Sonne sich breit gemacht, die illusorischen acht Stunden eines Arbeitstages absolviert und die davon notwendige Erholung noch obendrein erledigt wäre?
Wohl dem, der Erfüllung darin findet, dem herankeimenden Nachwuchs des deutschen Volkes per Schulnote den Platz im Gefüge zuzuweisen. Wohl dem, der die dieser Gestalt ihren Anlagen gemäß in der Konkurrenz um die vielen schönen „Chancen“ gestellten Bürger nach entsprechendem Verschleiß verschlissenen Kaputten für ihre jeweiligen „Chancen“ wieder zurecht flicken darf. Wohl dem, der jenen, die sich im Kampf um das, was einem jeden gleich an Recht zugebilligt wird, beistehen darf. Wohl dem, der vermittels aufopferungsvoller Recheche als Teil der vierten Gewalt im Staate darauf achten darf, dass auch alles im Sinne der Väter und Mütter unseres freiheitlichen Grundgesetzes weiterhin seinen, für uns alle so chancenreichen Gang gehen möge. Auch morgen wieder. Auch morgen geht dieser ganze beschissene Betrieb weiter. Das ist wirklich noch sicherer, als das Amen in der Kirche, drauf werd‘ ich meinen Arsch zwar bestimmt nicht verwetten, aber es sieht schon sehr danach aus. Eine gute Nacht noch, euch da draußen.
stone
(aus Trust # 83)