DIE NEUJAHRSWÜNSCHE DER MUTTER OBERIN


Ich habe die Zukunft dieses Landes gesehen! Auf einer Party, auf der wieder Alle betrunken waren, und auf der sie sich wiedertrafen, auch wenn sie die letzten Jahre damit verbracht hatten, genau das zu vermeiden. Alle die, die schon lange nicht mehr in einer der drei Kneipen gesichtet wurden, die man in dieser Stadt noch besuchen konnte, wenn man halbwegs unentwegt war und nicht ohnehin besseres mit seiner Zeit anzufangen wusste oder musste.
Heimkehrende Königinnen waren sie allesamt nicht geworden, dazu hatte es dann doch nicht gereicht, auch wenn einige von ihnen in die Welt gezogen waren in dem scheinbar unumstößlichen Willen, ebendies zu werden, Knäbelein wie Mägdelein. Einige von ihnen waren bei der Feststellung des kaum zu übersehenden noch nicht ganz an ihrem Ende angelangt. Solche Leute hatten gleich andere Arten der Feierlichkeit gewählt und sich den Verlust der Hoffnung zu ihrer ohnehinnigen Absicht zurechtgelogen.
Wer noch Advokat werden wollte, mochte zwar wissen, dass er im Zweifelsfall auch seinen Teufel würde vertreten müssen, was manchen den brenzligen Geruch der versengten Federn eines Überfliegers, das Aroma von Gefahr in die Nase trieb, woran sie sich ergötzten, andere würden mit der Differenz von Recht und Gerechtigkeit eher ein Problem haben, die dem Idealisten schließlich ein Gräuel sein muss. Wer den Mühseligen und Beladenen Trost Hilfe spenden wollte, in dem er Arzt, sie Psychologin wurde, konnte in der Theorie noch übersehen, wofür man ihn wirklich bezahlen, womit wirklich beschäftigen würde. Wer sich nun kein Haus gebaut hatte, würde sich keines mehr bauen, glaubten wir Studenten der Architektur, die sich unversehens zu besseren, wenn auch nicht besser bezahlten Ingenieuren degradiert sahen, beklagten, ihre Kreativität nicht ausleben zu können.
Wer nach der von Vater Staat spendierten wie erzwungenen Schulung bereits im Wettbewerb unterlegen und dadurch von den höheren Weihen jenes höchsten Gutes, der Bildung ebenso ausgeschlossen war, wie von allerlei Möglichkeiten, sich einen Unterhalt zu verdienen, der das Nötigste um ein Feststellbares überstieg, kurz gesagt, wer eben nur ein ganz gewöhnlicher Besitzloser war, konnte sich derlei Gedanken natürlich ohnehin sparen.
Wer indes noch einen bürgerlichen Beruf vor sich hatte, also beispielsweise Lehrer, Journalist oder Akademiker werden konnte, hatte noch das zweifelhafte Vergnügen, sich dies als ihm oder ihr gerecht zu verstehen, bevor sich dieser Idealismus schließlich an der Realität die Zähne ausbeißen würde, wenn er oder sie nicht zu denen gehörten, die mit Erlaubnis des Zufalls, an den viele nicht glauben wollten, weil sie sich dies lieber zur eigenen Leistung zurechtlegten, sonst wäre es einfach zu profan, denn dann hätte ja auch beliebiges Mitglied des Pöbels, ah, Verzeihung, des Plebs (das klingt so herrlich nach Plebiszit)… Daran wagten sie nicht zu denken,weil sie sich besser dünkten. Vielleicht nicht besser, aber zumindest doch ein wenig klüger. Und wahrscheinlich doch auch ein bisschen etwas Besonderes, so jedes auf seine Weise.
Was mich mit ihnen verband, mich von ihnen trennte, was ich vielleicht mit ihnen geteilt hatte, Feinde, Freunde oder das Lager, Bier, einen Proberaum oder eine Wohnung, Ideen, Geschmack oder den Innenraum eines Autos, es mag ja so manches gewesen sein; es spielte in den seltensten Fällen noch eine Rolle, und in den meisten bedauerte ich’s nicht. Überdies war es in hohem Maße gleichgültig, weil schließlich alle betrunken waren, auf die überschäumende Art, denn alle dachten, es sei nun ausgerechnet diese eine ganz besondere Nacht, vielleicht aber auch nur, weil sie sich vorher aufs Angenehmste hatten den Wanst vollschlagen lassen, oder weil sie sich eben einfach freuten, auf dieser verdammten Party zu sein.
Ständig stießen sie zusammen an den Türen, wo sich die Ströme verjüngten, zumindest bildlich gesprochen, und erkannten sich. Einige hatte ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Zu sagen, wir hätten uns nicht verändert, wäre niemandem eingefallen. Naja, mir schon. Einige von ihnen waren sich in bemerkenswerter Manier treu geblieben, so hatte es den Anschein.
Es muss mehr als die bloße Unwissenheit sein, die jene Arroganz hervorruft, mit der sich das, was vorlaut Jugend genannt wird, bisweilen auszeichnet. Mehr als der Leim, auf den geht, wer die Versprechen der Glücksschmiede, in der jeder frei sein eigener Entrepreneur sein darf. Der scharfe Tadel, den sich Menschen zuziehen, und der unter den Titeln „Spießertum“, „Arriviertheit“, alternativ, je nach Verlauf aber auch „Verlierertum“ firmiert, vorgeschaltet vielleicht noch der Spott über die „Erwachsenen“. Das immanente Besserwissen, das doch in annähernd jedem Fall den Beweis nicht antritt, sonst würde sich dieses bürgerliche Trauerspiel nicht zum Erbrechen wiederholen.
Sie alle beginnen mit den gleichen Chancen, so lautet die Behauptung, die immer wieder gern genommene, und der eine neigt eben eher zur proletarischen Lebensart, der andere, der ist eben ein echter Machtmensch. Und die, die wissen, wie der Hase läuft, die gibt es auch. So einer saß neulich mit mir im Abteil zwischen Hamburg-Altona und Bahnhof Zoo. Er war ganz unten gewesen. Er hatte Bier auf Hawaii verkaufen wollen, der Melodie eines alten Liedes folgend, demzufolge es kein Bier dort gebe. Erstens stimmte das nicht, aber zweitens hatte er auch kein Geld für die Investition gehabt. Er hatte auch einen Klempner-Notdienst eröffnet, eine kleine Backstube gegründet und sogar, als er dies erzählte, senkte er die Stimme, mit Marihuana gehandelt. Er trug eine Plastiktüte voller Bierdosen bei sich, bezüglich derer er sich überaus spendabel erwies, nicht zu vergessen, dass er mir sogar ein wenig Bares gab, damit ich mein Zugticket zur Gänze bezahlen konnte.
Jedenfalls machte er in Fertighäusern. Er sei auf dem Weg nach ganz oben. Ich saß im gleichen Zug wie er. Der Zug fuhr nicht nach oben. Er habe herausgefunden, wie man’s macht. Verraten hat er es mir natürlich nicht.
Ob er mir hätte erklären können, warum es soviel mehr Seketärinnen als Schauspieler, mehr Fließbandarbeiter als Schriftsteller, mehr Hausfrauen als Fabrikbesitzer und mehr Arbeitslose als Photomodelle gibt?
Sich zu verwirklichen ist keine Erfindung geläuterter esoterischer Alt-Hippies. Es wimmelt nur so vor Leuten, denen es stets daran gelegen ist, sich das im Beruf erreichte als ganz persönliche Leistung zurechtzulegen. Jeder nach seiner Fassong eben. Erzähl‘ das deinem Müllmann. Auf die Gefahr hin, dass er bereitwillig den gleichen Sermon erzählt.
Biographien gehen auch so. Leute, die „es“ geschafft haben, die haben es eben geschafft, weil sie an sich geglaubt haben. Durch jede Durststrecke hindurch haben sie sich immer wieder eingehämmert, dass du an dich glauben musst. Der Erfolg gibt ihnen schließlich recht. Sonst hätte es ja wohl auch nicht…
Niemand gibt den gleich Senf heraus, kommt er von jemandem, der mit der gleichen Rezeptur scheitert. Das will niemand lesen. Das verkauft sich nicht.
Letzte Ausfahrt Verzichtsmoral.
Das Schicksal. Es hatt‘ nicht sollen sein. Muss ja. Hilft ja nix, kannst nix machen, was soll’s, iss so. Den Käse wollte mir sogar jemand nach gescheitertem Koitus erzählen: „Vielleicht soll es einfach nicht sein mit uns…“ Es hatte dann doch noch sein sollen.
Oder die Zeit ist noch nicht reif für dich. Schau mal, mussten nicht alle großen Geister darben? Musste nicht Van Gogh sich erst ein Ohr abschneiden (Und nichtmal das hat was genützt)? Musste nicht Beethoven erst taub werden? (Um die Neunte zu schreiben?) Bukowski Postbote? (Um „Fast eine Jugend oder das Schlimmste kommt noch“ zu schildern?)
Könnte es denn nicht alles noch viel schlimmer kommen?
Da ist dann mit einem Mal aller Optimismus perdu und bleibt doch bei sich und er selbst.
Der stete Abgleich mit den durchaus wahrgenommenen Unannehmlichkeiten, um sich leuchtende Farben auf den Horizont der Zukünftigkeiten zu malen. Wenn es schon immer schlimmer kommen kann, dann kann es ja so schlimm schon nicht kommen. Wird schon irgendwie werden.
Klar, wird es irgendwie werden. Lediglich das „Irgendwie“ stört.
Irgendwie.
Irgendwie schweife ich ab.
Irgendwie habe ich auch einen im Kahn. Weil es manchmal ganz nett ist, sich einen Rausch zu verschaffen, da sich die ganze Scheiße auch nach Besorgung der täglichen Notwendigkeiten nicht in Wohlgefallen auflöst. Auch wenn die Miete gezahlt ist. Auch wenn es schlimmer kommen könnte. Im Moment sieht es sogar so aus, als würde es genau das tun.
To be concluded…

stone

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